Prof. Dr. Eva Asselmann: Too much. Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden

Prof. Dr. Eva Asselmann: Too much. Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden, München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26450-1, 249 Seiten, Klappenbroschur, Format: 13,6 x 2,15 x 21 cm, Buch: EUR 18,00, Kindle: EUR 12,99, auch als Hörbuch erhältlich.

Abb.: (c) dtv

„Das Gefühl von Bedrohung, Pandemie, krieg, Inflation, Klima: keine Ausnahme, sondern ein Geflecht aus Unsicherheiten, das sich kaum entwirren lässt. Unser Denken stößt an Grenzen, weil wir Kontinuität erwarten, in einer Welt, die längst in Brüchen spricht.“

(Seite 79)

Das kennt wohl jede:r von uns: Manchmal ist alles zu viel – ständig schlechte Nachrichten, Krisen und unerledigte Aufgaben. Irgendwann geht gar nichts mehr. Wir fühlen uns überwältigt und überfordert, heute mehr denn je. Sicher liegt das auch an den modernen Medien, aber nicht nur!

Was überfordert uns? Wieso ist es uns so wichtig, die Kontrolle über unser Leben zu behalten? Wie bleiben wir handlungsfähig, wenn uns die Ereignisse wieder mal überrollen? Diese Fragen beantwortet das vorliegende Buch. Es versteht sich als Hilfe zur Selbsthilfe und bietet neben sachkundigen Informationen auch Übungen zur Entfaltung der Selbstwirksamkeit.

Als Leser:in hat man einige Aha-Erlebnisse: „Ach, das ist ein PHÄNOMEN und hat einen Namen! Ich dachte, das sei nur eine Macke.“ Manche Fragen, die uns die Autorin stellt, sind gar nicht so leicht zu beantworten: „Werte? Habe ich Werte? Was genau ist damit gemeint?“

Manchmal stößt der Ratgeber an Grenzen. Es kann niemand korrigierend eingreifen, wenn wir eine Frage falsch verstehen. Und wenn wir uns gegen eine Übung sträuben, weil sie einen wunden Punkt berührt, müssen wir selbst den Schluss ziehen, dass wir vielleicht externer Hilfe bedürfen. Das ist aber bei allen Ratgeberbüchern aus dem Psychologie-Bereich so. Hilfreich und erhellend kann das Buch trotzdem sein.

Was also kann zu unserer Überforderung beitragen (und was tun wir dagegen)? Hier eine Auswahl:

Die Uhr ist erst mit der Industrialisierung zum Maß aller Dinge geworden. Davor hat sich der Mensch am Tageslicht orientiert. Mit dem Internet hat sich unser Leben noch weiter beschleunigt: Alles, was irgendwo auf der Welt passiert, kriegt man in Echtzeit mit und soll sofort darauf reagieren. Wir sind im Daueralarm, und das tut uns weder psychisch noch körperlich gut.

Für unablässigen Input ist unser Gehirn nicht gemacht. Wir sind ständig auf Empfang. Sobald das Handy einen Pieps von sich gibt, reagieren wir, weil’s ja wichtig sein könnte und/oder weil digitale Aufmerksamkeit jedes Mal einen kleinen Dopaminschub auslöst, der auf unser Belohnungssystem wirkt. Wir reagieren wie die Pawlowschen Hunde.

Je mehr wir uns mit den Informationshäppchen befassen, die das Internet für uns bereithält, desto kürzer wird unsere Aufmerksamkeitsspanne. Dazu gibt es Studien. Außerdem merken wir uns viel weniger Fakten, weil wir ja jederzeit googeln können.

Interessant fand ich den Zeigarnik-Effekt, der die mentale Last des Unerledigten beschreibt. Die digitale To-do-Liste ist niemals komplett abgearbeitet, immer ist da was, auf das man noch reagieren müsste. Das Gehirn kommt nie zur Ruhe, und irgendwann ist das System überlastet.

Dass wir auf schlechte und alarmierende Nachrichten intensiver reagieren als auf gute, ist evolutionär bedingt. Unser Gehirn warnt uns damit vor Gefahren. Das wissen auch die Leute, die mit Schlagzeilen ihr Geld verdienen: Angst, Wut und Empörung lassen die Kasse klingeln, und wir sehen die Welt zunehmend düsterer. Positives bleibt leise oder geht völlig unter.

Nichts erscheint uns mehr sicher, und wir haben das Gefühl, dass früher alles besser war. Aber da täuscht sich unser Gedächtnis.

Von Marmeladesorten bis zu den möglichen Lebensentwürfen gibt es heute von fast allem eine unüberschaubare Menge. Das macht es oft schwer, sich für etwas zu entscheiden. Es könnte ja noch was Besseres kommen! Das nennt man FOBO – Fear of Better Options. Da ist man von der Vielzahl der Möglichkeiten so überwältigt, dass man entweder gar nicht handelt oder sich in einem endlosen Entscheidungsprozess verliert. (Hier fühle ich mich ertappt!)

Es gibt noch viele andere Punkte, die den modernen Menschen fertig machen können. Man kann in die Selbstoptimierungsfalle tappen, Schwierigkeiten mit Nähe und Einsamkeit haben oder vergeblich nach dem Sinn des Daseins suchen. Doch keinem dieser Probleme ist man wehrlos ausgeliefert.

„Etwas, das stärker ist […] als jede Vernunft: unser Bedürfnis zu kontrollieren, was mit uns geschieht. Kontrolle ist kein psychologischer Luxus, sondern ein Grundbedürfnis, so elementar wie Nahrung, Schutz oder Nähe. Denn ohne Einfluss entsteht Ohnmacht, und Ohnmacht heißt Gefahr.“

(Seite 154)

Unser Gehirn hasst es, ausgeliefert zu sein. Wenn wir die Kontrolle über unsere Situation verlieren, beginnen wir verzweifelt, Orientierung, Ordnung und Sinn zu suchen und phantasieren uns notfalls etwas herbei. Hier kommen dann gern die Leute ins Spiel, die auf komplexe Fragen übermäßig einfache Antworten haben. Und das ist selten gut.

Geben wir jedes Streben nach Kontrolle auf und glauben, dass alles im Leben Schicksal sei, ist das bequem, weil wir damit die Verantwortung abgeben. Wir berauben uns damit aber unserer Selbstwirksamkeit. Wer spürt, dass sein Handeln zählt, findet kreative Lösungen, gestaltet aktiv und stellt sich Herausforderungen, was sich in vieler Hinsicht positiv auswirkt.

Was wir tun können, wenn wir uns trotz allem hilflos und ohnmächtig fühlen, zeigt das Buch auch. Bei manchen Fallbeispielen hätte ich zwar zu professioneller Hilfe geraten, aber bei Feld-, Wald- und Wiesenstress kann ein Denkanstoß aus diesem Ratgeber sehr wertvoll sein.

Wichtig fand ich den Hinweis, dass man bereits die Kinder dazu ermutigen soll, sich etwas zuzutrauen. Man sollte sie nicht überbehüten, sondern ihr Tun im richtigen Moment durch Lob und Anerkennung verstärken. Noch besser ist es, wenn man ihnen Selbstwirksamkeit vorlebt. Das prägt fürs Leben. Das klingt selbstverständlich, aber anscheinend hat das nicht jeder Erziehende auf dem Schirm.

Zum Nutzen der praktischen Übungen im letzten Teil des Buchs kann ich nicht viel sagen. Ich bin für dieses Angebot wohl nicht gut geeignet. Sollte ich ein übergeordnetes Problem haben, das ich mit dieser Methode angehen könnte, (er)kenne ich es nicht. Natürlich sind mir Phasen akuter Überforderung vertraut. Da wurstle ich mich dann so gut wie möglich durch und hoffe auf bessere Zeiten. Bislang hat das immer funktioniert.

Mit Hilfe des Buchs habe ich jedoch ein paar Unarten und Stressoren identifiziert, mit denen ich mir das Leben unnötig schwer mache. Daran kann ich arbeiten, und das wird mir auch was bringen. Tiefergreifende Veränderungen bekomme ich jedoch in Eigenregie nicht hin. Das mag bei anderen Leser:innen dieses Buchs anders sein.

Eva Asselmann, geboren 1989, ist Psychologieprofessorin an der HMU Health and Medical University in Potsdam. Forschungsaufenthalte führten sie an renommierte Universitäten, zuletzt an die University of California, Los Angeles. Sie ist Autorin zahlreicher Studien sowie Leiterin internationaler Forschungsprojekte zu Persönlichkeitsentwicklung, Stressmanagement und Prävention. Sie lebt in Berlin.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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