Rebecca Niazi-Shahabi: Scheiß auf die anderen. Sich nicht verbiegen lassen und mehr vom Leben haben

Rebecca Niazi-Shahabi: Scheiß auf die anderen. Sich nicht verbiegen lassen und mehr vom Leben haben, München 2015, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-30833-5, 194 Seiten, Softcover, Format: 11,8 x 2,2 x 18,8 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 8,99. Auch als Audio-CD und Hörbuch-Download verfügbar.

Abbildung: (c) Piper Verlag
Abbildung: (c) Piper Verlag

Machen Sie doch, was Sie wollen. Schluss mit dem schlechten Gewissen!“, steht groß auf der vierten Umschlagseite. Deshalb dachte ich, es gehe in diesem Buch darum, jenen Leuten die Stirn zu bieten, die einem einreden, man kümmere sich zu viel, zu wenig oder nicht richtig um Kinder, Partner, Eltern, Karriere, Freunde, Hobbys, Gesundheit, Umwelt, Politik oder was auch immer.

Wenn ernst zu nehmende Mitmenschen derlei Vorwürfe äußern, stellen sich die Schuldgefühle von selber ein. Wie schön wäre es, wenn man stattdessen entspannt sagen könnte: „Das sieht XY so. Deswegen muss das nicht auf mich zutreffen.“ Und dann müsste man unbeleidigt und trotzfrei darüber nachdenken können, ob man in seinem Leben etwas verändern möchte oder nicht. An einem Ratgeber, der uns zu einem derart gelassenen Umgang mit Kritik verhilft, wäre ich interessiert gewesen. Aber so ist das Buch nicht gemeint.

Von den Möglichkeiten überfordert


Hier geht es darum, dass man heute in der westlichen Welt fast alle Freiheiten hat und praktisch machen und werden kann, was man will. Damit sind manche Menschen anscheinend überfordert. Die Autorin schreibt: „Was ich mir also wünsche, ist jemand, der mir den richtigen Ausweg aus meiner Freiheit weist. Der mir zeigt, wo genau mein Wollen und Wirken in dieser Welt gefragt sind. Bis jetzt habe ich ja auf der Suche nach mir selbst nur herausgefunden, was es NICHT war.“ (Seite 95)

Da will man mit aller Gewalt etwas Besonderes leisten, nur fällt einem nicht ein, was das sein könnte. Und hat man einen tollen Job, wird auch der blöderweise zur faden Routine, wenn man ihn jeden Tag ausübt. Derweil sei es doch so einfach, eine Arbeit zu finden, die Spaß macht und genügend Kohle bringt. Man könne ohne weiteres viel Zeit für Beziehungen zu besonderen Menschen haben, dazu noch Muße für seine Freizeitaktivitäten und Freunde in aller Welt, die einen schätzen und bewundern. So tönen jedenfalls die selbsternannten Internetgurus sowie einschlägige Seminarleiter und Ratgeberautoren.

Bist du nur Durchschnitt, machst du was falsch


Wenn man trotzdem seinen Platz in der Welt nicht findet, ein lediglich durchschnittliches Leben führt und vor lauter Arbeit nicht zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung kommt, ist man entweder zu doof, zu faul oder zu feige, um die Sache richtig anzupacken. Andere kriegen es offensichtlich hin – jedenfalls, wenn man danach urteilt, was sie bei Facebook und Instagram posten. Doch man selber scheitert daran, allzeit das Richtige zu tun, die Traumkarriere zu machen, finanziell unabhängig zu werden und den perfekten Partner zu finden, mit dem man dann perfekte Kinder in die Welt setzt. Und weit und breit ist kein Erlöser in Sicht!

„Ich muss mich heute also selbst erlösen (…). Dies ist der Hintergrund, den all diese Facebook-Posts, Zitate und Sinnsprüche gemeinsam haben, mit denen wir überschüttet werden und die uns ermutigen sollen, jetzt mit dem Leben anzufangen. Ich brauche mich nur dafür zu entscheiden (…) und schon geht es los mit dem prallen Leben.“ (Seite 71) Klingt klasse, funktioniert aber nicht.

Und was machen wir nun? Mein Tipp wäre ja, den ganzen Dummschwatz zu ignorieren und unser Leben zu leben, so gut wir’s eben hinkriegen. Auch bei den Glücksgurus, Schönrednern, Positivdenkern und sonstigen Strahlemenschen kann nicht alle Tage Sonntag sein. Selbst denen wird das Leben gelegentlich den Allerwertesten zeigen, und dann sind sie genauso frustriert, überfordert, verzweifelt und unglücklich wie wir, wenn’s mal blöd läuft. Lassen wie sie also schwätzen.

Es gibt keinen Zwang zur Einzigartigkeit


Die Autorin kommt zu einem ähnlichen Schluss. Es wunderbar, wenn keiner seine Einzigartigkeit unterdrücken und verleugnen muss, damit das System funktioniert. Aber es gibt keinen Zwang, die Menschheit mit etwas Einzigartigem zu beglücken. „Würde die Gesellschaft wirklich wollen, dass jeder Einzelne sich ausprobieren kann, dann würde sie dafür sorgen, dass nicht nur Ehrgeizige, Wohlhabende, Risikobereite, Selbstbewusste, Einfallsreiche und Bindungsarme ihre Hoffnungen und Träume verwirklichen können.“ (Seite 171)

Man kann den ganzen Selbstfindungs-, -verwirklichungs- und –optimierungsschmonzes also guten Gewissens bleiben lassen. Vielleicht ist es ohnehin gescheiter, sich mit anderen zusammenzutun und sich sozial oder politisch zu engagieren um auf diese Weise etwas zum Besseren zu wenden. Demonstration statt Meditation. Manche Missstände liegen nicht in unserem Inneren begründet, sondern haben ganz handfeste äußere Ursachen.

Demonstration statt Meditation


Aktion statt Nabelschau. Das klingt einleuchtend. Aber hat’s dazu ein ganzes Buch gebraucht? Ich hätte keine sieben Kapitel benötigt, die mir aufdröseln, warum dieser Selbstoptimierungskult größten Teils Kokolores ist. Mir hätten auch die letzten beiden Kapitel genügt. Das wäre allerdings nur Stoff für einen Blogbeitrag oder einen Zeitschriftenartikel gewesen.

Das Buch liest sich amüsant und es ist gut, dass jemand die eine oder andere Wahrheit ausspricht, aber wirklich neu sind die Erkenntnisse nicht. Dass wir auf politische und gesellschaftliche Probleme mit individueller Selbstoptimierung reagieren sollen, anstatt die Ursachen zu bekämpfen, das habe ich schon vor 35 Jahren nicht eingesehen. Aber vielleicht ist das Buch auch für eine deutlich jüngere Zielgruppe geschrieben worden. Dafür spräche auch die Auswahl der Schriften. Die magere, schmale Schriftart (News Gothic?), die man für Zwischenüberschriften und das Inhaltsverzeichnis gewählt hat, ist für LeserInnen 50+ selbst mit Brille schlecht zu lesen. Vor allem, wenn die Buchstaben auch noch negativ (weiß auf schwarzem Grund) gesetzt sind. Oder hätte das ganz anderes aussehen sollen und im Herstellungsprozess ist ein Malheur passiert? Dann könnte man das Buch ja in der nächsten Auflage typographisch … optimieren.

Die Autorin
Rebecca Niazi-Shahabi stammt aus einer deutsch-israelisch-iranischen Familie und lebt in Berlin. Dort hält die Autorin Seminare zum Thema Charisma und arbeitet als Journalistin und Werbetexterin.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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