Paul Grote: Die Insel, der Wein und der Tod. Kriminalroman

Paul Grote: Die Insel, der Wein und der Tod. Kriminalroman, München 2016, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21645-6, Klappenbroschur, 412 Seiten, Format: 12,1 x 3,5 x 19,3 cm, Buch: EUR 12,95 (D), EUR 13,40 (A), Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

Der Tübinger Weinhändler-Ehepaar Schiller möchte das Weingut Ses Palmes im Osten von Mallorca erwerben. Besser gesagt: Ulrike Schiller will das – unbedingt. Es ist ihr Geld, das da investiert werden soll. Ihr Mann Gerhard ist noch nicht sicher, was er von der Idee halten soll. Wie soll das funktionieren? Einer von ihnen steht dann im Laden in Tübingen, der andere bewirtschaftet das Gut auf Mallorca? Und ist der Preis, den Gesine Fröhlich, die verwitwete Besitzerin, für die Immobilie verlangt, überhaupt okay?

Nur eine kleine Gefälligkeit …


Gerhard Schiller kommt auf die Idee, einen Bekannten um Rat zu fragen: Henry Meyenbeeker, einen ehemaligen Weinjournalisten, der jetzt in La Rioja Vertriebsleiter der Kellerei seiner baskischen Ehefrau Isabella ist. Er kennt sich aus, er könnte das mallorquinische Objekt beurteilen – und er würde auch unumwunden sagen, wenn er den Kauf von Ses Palmes für eine Schnapsidee hielte.

Nach kurzem Zögern willigt Meyenbeeker ein, für ein paar Tage nach Mallorca zu kommen und sich das Objekt anzusehen. Zeit hat er eigentlich keine. Seine politisch engagierte Gattin muss zu einem Kongress, und wenn er sich zur selben Zeit auf Mallorca um Schillers Angelegenheiten kümmert, lastet die ganze Verantwortung für die Kellerei auf seinem gesundheitlich angeschlagenen Schwiegervater.

Das komische Gefühl, das Schiller nach den ersten Gesprächen mit der Besitzerin des Weinguts hatte, kommt nicht von ungefähr. Dass Frau Fröhlich nur ausweichende Antworten auf Meyenbeekers konkrete Fragen hat, mag tatsächlich ihrer Unwissenheit geschuldet sein. Ihr verstorbener Mann hat sich um die Geschäfte gekümmert, nicht sie. Doch dass Meyenbeeker und die Schillers auf Schritt und Tritt verfolgt werden, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Schon gar nicht, nachdem ihnen jemand die Windschutzscheibe des Mietwagens mit einer Steinschleuder eingeschossen hat.

Wilde Gerüchte und ein gezielter Schuss


Es könnte allerdings sein, dass der Anschlag nicht den Schillers gegolten hat, sondern Meyenbeeker. Der hat sich schon in der Vergangenheit gern in Kriminalfälle eingemischt und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Unter anderem hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass sein Schwager Diego für ein paar Jahre in den Knast ging. Gut möglich, dass dieser jetzt jemanden auf ihn angesetzt hat. Aber Meyenbeeker kann ganz gut auf sich aufpassen, das hat er mehr als einmal bewiesen.

Bei seinen Recherchen in Sachen mallorquinischen Weinbaus spricht Meyenbeeker mit Nachbarn der Eheleute Fröhlich/Martinez und mit Winzern aus verschiedenen Ecken der Insel. Und er hört Befremdliches. Frau Fröhlich habe den Tod ihres Mannes mitverschuldet, heißt es, und dass sie nur hinter seinem Geld her gewesen sei. Von Erbstreitigkeiten ist die Rede und von einem Liebhaber. Und dass schon einmal ein Kaufinteressent da gewesen sei. Den habe man dann erschossen in S’Arenal aufgefunden. Das stecke doch bestimmt die Mafia dahinter. Ist das alles nur Geschwätz oder ist da wirklich was dran? Meyenbeeker will es nicht ausschließen. Er hat Frau Fröhlich inzwischen bei ein paar kackdreisten Lügen ertappt. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht!

Absolut beratungsresistent


Jetzt könnte er den Schillers einfach vom Kauf abraten, nach Hause fliegen und sich um seinen eigenen Kram kümmern. Was da auf Mallorca abgeht, ist nun wirklich nicht sein Problem und ob die Schillers auf seinen Rat hören, auch nicht. Das bringt Meyenbeeker aber nicht fertig. Er bleibt im Herzen immer Journalist: Dubiosen Vorfällen muss er einfach auf den Grund gehen. Und Gerhard Schiller will er auch nicht im Stich lassen. Der möchte Ses Palmes unter den gegenwärtigen Umständen schon gar nicht mehr haben. Aber seine Frau gibt keine Ruhe. Da können die Gegenargumente noch so überzeugend sein und massenweise Steine, Fäuste und Pistolenkugeln fliegen: Sie will dieses Weingut, und wer etwas dagegen sagt, ist ihr Feind. Vor allem natürlich Henry Meyenbeeker, der ihr mit knallharten Fakten kommt. Es grenzt an ein Wunder, dass er sich ihr unverschämtes Gekeife so lange gefallen lässt!

Dass Meyenbeeker mit eher simpel gestrickten Kleinganoven fertig wird, die ihm ans Leder wollen, daran zweifelt der Kenner der Reihe nicht. Dass er irgendwie herausfinden wird, was an dem geplanten Weingut-Verkauf faul ist, ist eigentlich auch klar. Aber welche Strafe des Schicksals der Autor für diese blitzblöde Weinhändlergattin vorgesehen hat, das lässt einen wie besessen weiterlesen. Ulrike Schiller wird als dermaßen nervtötend und unsympathisch beschrieben, dass man sie mit einer wahren Wonne hasst und im Grunde nur darauf wartet, dass sie die Quittung für ihr unerhörtes Benehmen kriegt. Niemand darf einen Helden von Paul Grote ungestraft so mies behandeln. Niemand!

Die Drahtzieher lachen sich ins Fäustchen


Es kommt dann auch knüppeldick für die Schillers. Und man hat fast schon ein schlechtes Gewissen, weil man Ulrike S. die Pest und die Cholera an den Hals gewünscht hat. 😉 Das haben wir dann doch nicht gewollt!

Als alle Verstrickungen, Verwicklungen und Verbrechen aufgedeckt sind, steckt der Leser in einem tiefen Zwiespalt. Irgendwie hat man ja Verständnis für das, was den Täter umtreibt. Aber darf man sich deshalb wünschen, dass er davonkommen möge? Die glänzende Zukunft, die er hätte haben können, wenn nicht alles so grandios schief gelaufen wäre für ihn, sieht man ganz deutlich vor sich, und es ist zum Heulen. Er mag zum Mörder geworden sein, aber die Verursacher des Dramas sitzen ganz wo anders und lachen sich jetzt ins Fäustchen.

Ich habe noch ein bisschen Hoffnung, dass das nicht das letzte ist, was man von diesem düsteren Kriminalfall gehört hat. Vielleicht nimmt der Autor ja den einen oder anderen Faden in einem späteren Meyenbeeker-Krimi noch einmal auf. Die Geschichte ließe diese Möglichkeit zu.

Kriminalfall und Weinwissen


Wie immer in seinen Büchern verbindet Paul Grote fundiertes Wissen über den Wein mit einem verzwickten Kriminalfall. Welche (real existierenden) Weingüter der Held bei seinen Recherchen besucht, kann man auf einer Inselkarte in dem Buch verfolgen. Aber ich fürchte, diesmal bleiben nicht so viele Informationen über den Weinbau hängen wie in anderen Bänden. Es ist an der Krimifront einfach zu viel los! Wenn die Winzer nicht unmittelbar etwas zur Erhellung der Vorgänge auf Ses Palmes beizutragen haben, neigt man dazu, Meyenbeekers Besuche bei ihnen eher flüchtig zu lesen. Die beiden Handlungsstränge – Weinproben und Krimi – sind in diesem Band vielleicht nicht ganz so zwingend verzahnt wie sonst. Aber das macht nichts. Der Krimi ist spannend, und das zählt.

Der Widmung entnahm ich, dass es für den Tübinger Weinhändler ein reales Vorbild gab. Und ich hoffe inständig, dass seine entsetzliche Roman-Ehefrau allein der Phantasie des Autors entsprungen ist. Falls nicht, dann lasst Euch das eine Warnung sein: Ärgert keinen Autor, sonst landet ihr als UnsympathIn in einem seiner nächsten Bücher!

Der Autor
Paul Grote berichtete fünfzehn Jahre lang als Reporter für Presse und Rundfunk aus Südamerika. Seit 2003 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Gespür für Wein, sein Wissen und seine Erfahrungen spiegeln sich in allen seinen Krimis wider.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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