Dominik Kimyon: Stallgeruch. Ein Krimi vom Land

Dominik Kimyon: Stallgeruch. Ein Krimi vom Land, Meßkirch 2017, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-2033-7, Softcover, 378 Seiten, Format: 12,1 x 3 x 20 cm, Buch: EUR 12,90 (D), EUR 13,40 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Gmeiner-Verlag

Der Stallbursche Henk Koophuus wollte nur nach den Tieren sehen, aber dann findet er im Stall eine Tote: Linda Becker, 25, die Juniorchefin des Eichsfelder Alpaka-Gestüts. Jemand hat die Pferdefachwirtin und Physiotherapeutin geschlagen und erdrosselt. Ein Raubmord? Ihr Schmuck fehlt. Eigentlich komisch: Es waren zwar Erbstücke, doch nur von sentimentalem Wert.

Mord im Alpaka-Stall – Kripo Göttingen ermittelt


Eigentlich wäre die Kripo in Duderstadt zuständig. Aber weil Tierarzt Wido von den Greben gute Kontakte zur Kripo nach Göttingen hat und er – abgesehen vom Mörder – wohl der letzte war, der Linda lebend gesehen hat, zieht er ein paar Fäden und widerwillig traben die Göttinger Kriminalkommissare Christian Heldt und Tomek Piotrowski an.

Christian, allein erziehender Vater des elfjährigen Joshua, hat eigentlich Urlaub und wollte die Herbstferien seines Sohnes mit ihm gemeinsam verbringen. Jetzt wird der Kleine wieder im Freundeskreis herumgereicht. Seine Mutter kann sich nicht um ihn kümmern. Sie ist schon nach Kanada zurückgekehrt, als Joshua noch ein Baby war.

Auch Tomek Piotrowski hat gerade andere Prioritäten, als einen Fall zu bearbeiten, der ihn gar nichts angeht. Sein Vater ist lebensbedrohlich erkrankt und liegt in der Klinik. Tomek wäre lieber in seiner Nähe als irgendwo in der Pampa zu ermitteln. Das Landleben ist gar nicht sein Ding. Was sind denn überhaupt Alpakas? Er lässt es sich erklären. Ach so! Irgendwelches Getier, das aussieht, als sei es der Muppetshow entsprungen.

Kompetenzgerangel bei der Polizei


Aber auch wenn die Ermittler aus der Stadt unfreiwillig da sind und von Tierzucht keine Ahnung haben: Ihren Job verstehen sie. Kein Wunder, dass die Duderstädter Kollegen das Fracksausen kriegen. Will man etwa ihre Dienststelle schließen? Oder warum sonst spuken die Göttinger hier herum? Entsprechend holprig läuft die Zusammenarbeit.

Das Alpakagestüt ist nur bei oberflächlicher Betrachtung eine Idylle: Chef Claus Mohr ist ein Tyrann und Kontrollfreak. Seine Frau Edith erträgt seine Launen und Ausfälligkeiten, weil sie keinen Plan B für ihr Leben hat. Sohn Tim hat sich schon vor Jahren nach Freiburg abgesetzt. Sohn Frederick, der mit Linda Becker verlobt war, lebt und arbeitet auf dem Hof und leidet still vor sich hin, weil er es seinem Vater niemals recht machen kann. Und bei näherer Betrachtung war seine Beziehung zur Ermordeten auch etwas eigenartig.

Jeder hat hier ein Geheimnis


Die vorlaute Tierpflegerin Doreen Blist sollte auf Lindas Geheiß entlassen werden, Stallbursche Koophuus ist polizeibekannt, genau wie einer der Mohr-Söhne. Radikale Tierschützer haben das Gestüt im Visier und Tierarzt Wido von den Grebens Weste ist nicht ganz so weiß wie alle glauben. Auch unter den ermittelnden Beamten sind welche, die etwas zu verbergen haben. Am schlechtesten gelingt das Christian Heldt. Er ist in die Gerichtsmedizinerin Tanja verliebt, die leider mit einem selbstgefälligen Juristen verheiratet ist. Und außer Tanja wissen irgendwie alle über Heldts Gefühle Bescheid.

Im Lauf der Ermittlungen kommen die großen und kleinen Geheimnisse der Menschen aus Linda Beckers persönlichem Umfeld ans Licht. Aber hat irgendetwas davon ihren Tod gerechtfertigt?

Dann geschieht ein zweiter Mord auf dem Gestüt, und der neugierige Tomek macht eine Entdeckung, die beide Fälle in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen …

Ein komplexes Beziehungsgeflecht


Es ist schon interessant zu sehen, wie hier ein komplexes Beziehungsgefüge aufgedröselt wird. Nichts ist so, wie es am Anfang ausgesehen hat. Und auch wenn ich sonst kein Fan von detaillierten Beschreibungen bin: Der Autor hat ein Händchen dafür, im Kopf der Leser Bilder entstehen zu lassen, die er so schnell nicht wieder loswird. Den ungastlichen Pausenraum der Gestütsmitarbeiter meint man nicht sehen, sondern sogar riechen zu können. Es müffelt dort nach feuchtem Keller und schmuddeligen Putzlappen.

Bildhafte Vergleiche


Die vielen bildhaften Vergleiche, die Dominik Kimyon benutzt, sind teils treffsicher und witzig, teils ein bisschen bemüht und manche sind unnötig vulgär: Beim Sport rinnen „Schweißtropfen, so dick wie Rosinen“ (Seite 9), der Held(t) hangelt sich an den Stangen entlang „wie ein Orang Utan auf Brautschau“ (Seite 10). Zwei hochrangige Polizeibeamte kommen „in etwas so gut miteinander aus wie Tom und Jerry“ (Seite 14) und Heldts und Tomeks Chef „plusterte sich auf wie eine Kohlmeise an der Vogeltränke“ (Seite 29). Und wenn der schnöselige Staatsanwalt in die Enge getrieben wird, „schüttelt er seine Manieren schneller ab als eine Crackn*tte ihren Ekel vor dem nächsten Bl*wj*b.“ (Seite 224). Gut, diese Art Vergleiche zu ziehen, gehört zum Stil des Autors. Das tritt aber so gehäuft auf, dass es schon ein bisschen anstrengend wird,

Stellenweise hatte ich den Eindruck, mitten in eine Serie zu platzen, weil öfter mal auf frühere Fälle und Ereignisse Bezug genommen wird. Aber mir ist nichts von vorigen Bänden einer Reihe bekannt. Vielleicht sollen diese Verweise auch nur belegen, dass die Romanfiguren eine längere gemeinsame Vergangenheit haben. Fallrelevant ist das alles nicht.

Die fiesen Personen in diesem Krimi sind aus keinen bestimmen Grund fies. Sind eben A***l*cher. Das macht die Sache ein bisschen plakativ. Eigentlich hat der Hauptverantwortliche für den ganzen Schlamassel einmal im Leben sehr spontan eine unkluge Entscheidung getroffen und sich im Folgenden immer tiefer reingeritten. Aber so wird die Geschichte nicht erzählt.

Ein Gestüt ist kein Streichelzoo


Auf jeden Fall blickt man nicht nur in menschliche Abgründe, sondern auch ein wenig hinter die Kulissen einer Alpaka-Farm. Ein Streichelzoo ist das nicht, trotz der niedlichen Tiere. Das ist schon ein knallhartes Geschäft, dem nicht jeder gewachsen ist. Die unterschiedlichen Einstellungen zu dem Business und den Tieren sieht man sehr schön anhand der verschiedenen Romanfiguren. Und dass man ein Alpaka-Fohlen „Cria“ nennt, wusste ich bis dato auch noch nicht.

Sagt mal, funktioniert eigentlich bei irgendeinem Leser der Trick, das Buch im Prolog bzw. im ersten Kapitel mit einem Thema zu beginnen, das erst seeeehr viel später wieder aufgegriffen wird? Ich weiß, das soll neugierig machen. Aber wenn sich mir der Zusammenhang nicht gleich erschließt, vergesse ich sehr schnell und gründlich, dass ich das überhaupt gelesen habe. Da klingelt dann auch nichts, wenn das Thema nach hundert, zweihundert Seiten wieder aufgegriffen wird. So auch hier. Erst, als ich wegen eines Namens die ersten Seiten nochmals durchblätterte, fiel mir auf, dass da ja ganz am Anfang was war …

Der Autor
Dominik Kimyon wurde 1976 in Duderstadt im Eichsfeld geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Nordhessen, doch mit Anfang 20 zog es ihn zurück nach Niedersachsen in die Universitätsstadt Göttingen. Dort studierte er Medienwissenschaft und Sozialpsychologie, arbeitete als freier Mitarbeiter für eine Lokalzeitung und war in der Werbebranche tätig. Seit einigen Jahren ist er Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter in Hannover. Mit feinem Gespür für menschliche Abgründe erweckt er Figuren zum Leben, die niemand gerne in der eigenen Nachbarschaft haben möchte – die aber mit Sicherheit genau dort leben.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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