Kris B.: Dunkler noch als Schatten. London Crimes, Ricks 3. Fall – Psycho-Krimi

Kris B.: Dunkler noch als Schatten. London Crimes, Ricks 3. Fall – Psycho-Krimi, München 2017, Edition Tingeltangel, ISBN 978-3-944936-36-9, Klappenbroschur, 386 Seiten, Format: 13,6 x 3,7 x 21,2 cm, Buch: EUR 14,90, Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) Edition Tingeltangel

Es mag ein Klischee sein, aber Dr. Joy Canovas Interesse an Psychologie rührt tatsächlich daher, dass sie ihre dysfunktionale Herkunftsfamilie und ihre eigenen Ängste verstehen lernen wollte. Heute ist sie eine prominente Psychotherapeutin mit Praxis in einem Londoner Nobelviertel.

Dr. Canova hat sich auf die Behandlung von Angststörungen spezialisiert und ist zunehmend frustriert von ihrem Beruf. Man kann nämlich auch zu gut sein in seinem Job: Aufgrund ihres hervorragenden Rufs bekommt sie fast nur noch die hoffnungslosen Fälle, an denen sich Kolleginnen und Kollegen schon die Zähne ausgebissen haben, und die leider meist wirklich untherapierbar sind. Damit sind ihre Erfolgserlebnisse rar.

Morddrohungen an Angst-Patienten


Und jetzt auch noch das! Jemand muss sich Zugang zu ihren Patientenakten verschafft haben. Einige ihrer Patientinnen bekommen nämlich perverse Drohbriefe von einem „Shadoe“, der sehr informiert mit ihren jeweiligen Ängsten spielt. Verfasst sind diese Briefe in einer Handschrift, die stark der von Joys Vater, des Verlegers Victor Canova, ähnelt. Eine Fälschung, zweifellos. Aber Joy sähe ungern ihre Familie in diese unappetitliche Angelegenheit verwickelt, und so ist sie froh, dass sich keine der Patientinnen mit den Briefen zur Polizei wagt.

Als die erste Brief-Empfängerin, die wohlstandsverwahrloste Unternehmertochter Alison Dale-Frost, tot unter einer Eisenbahnbrücke gefunden wird, stuft die Polizei das als Suizid ein. Therapeutin Canova bezweifelt zwar, dass Alison mit ihrer ausgeprägten Angst vor Brücken ausgerechnet von einer solchen in den Tod gesprungen wäre, aber sie belässt es dabei und lässt auch die Drohbriefe unerwähnt.

Der zweite Todesfall unter ihren Patientinnen lässt sich nicht mehr so elegant wegerklären. Die Goldschmiedin Maureen Gordon, die eine krankhafte Angst vor Nähe und Berührungen hatte, ist in ihrem Haus gefoltert und ermordet worden. Niemals hätte sie einem Fremden die Tür geöffnet!

In Maureens Wohnung wird einer der Shadoe-Drohbriefe gefunden. Jetzt ist klar: Jemand mordet sich durch Dr. Canovas Patientenkartei. Aber wer? Warum? Und nach welchem Muster?

Viele Verdächtige und jeder kennt jeden


Wenn Detective Inspector Rick London und seine Kollegenschaft schon beim vorigen Fall, den Ermittlungen am Theater „The Caesar“ am komplexen Beziehungsgeflecht der Opfer, Zeugen und Verdächtigen verzweifelt sind, müssten sie jetzt eigentlich schreiend weglaufen. Jeder kennt hier jeden!

  • Ricks Nichte Cecilia ist beim Verlag von Joys Vater unter Vertrag,
  • ihr Lektor Angus Fenning ist Joys Patient
  • Joys Ex-Lover mit der Vorliebe für Fesselspiele, der Bildhauer Lionel „Leo“ Croft, kennt Alison Dale-Frosts Vater George – und dessen Geheimnisse.
  • Leo Croft und seine Galeristin Marusha waren außerdem mit der ermordeten Goldschmiedin Maureen Gordon bekannt.

Und so geht es gerade weiter. Wer sich jetzt Sorgen machen muss, ist die mit einem todlangweiligen Physiklehrer verheiratete Klavierlehrerin Patricia Miles (27). Sie hat eine Affäre mit Leo und ist wegen ihrer Schmetterlingsphobie bei Dr. Canova in Behandlung. Wird sie Shadoes nächstes Opfer?

Patricia nicht. Aber eine Person, die ihr nahe steht. Das passt so gar nicht in Shadoes Modus operandi. Aber es gibt Hinweise darauf, dass er etwas damit zu tun hat.

Mit Volldampf in die Krise


DI Rick London machen nicht nur die vielen Querverbindungen im Umfeld der Opfer zu schaffen. Er hat auch Probleme mit seinem neuen Vorgesetzten. DCI Gould, mit dem er sich mühsam zusammengerauft hatte, ist zu Scotland Yard gegangen. Mit dessen Nachfolger, DCI Clen Smithhaven von der Thames Valley Police in Oxford, kommt er nicht klar. Smithhaven mit den schmutzigen Witzen und dem blitzsauberen Büro macht aus seiner Homose*ualität kein Hehl, während Rick sein Privatleben nach wie vor am liebsten geheim hält. Der Neue gibt sich anbiedernd-jovial und mistet als erstes eigenhändig Ricks Messie-Büro aus. Rick traut ihm nicht.

Dass Rick außerdem Neider hat, die ihm seine intuitiven Problemlösungen verübeln, weil sie selbst ihre Antworten mühsam suchen müssen, macht ihm das Berufsleben nicht leichter. Dazu kommt, dass sich, seit er mit dem Tänzer und Choreographen Alan Widmark liiert ist, zunehmend fragt, ob es seinerzeit wirklich richtig war, die Pianistenkarriere zugunsten der Polizeilaufbahn sausen zu lassen.

Offenbar steuert Rick London auf eine ausgewachsene Krise zu. Ist er vielleicht deshalb nicht so ganz bei der Sache? Sonst hätte er vielleicht viel früher bemerkt, dass jemand ihm Wichtiges verschweigt – und dass eine nervige Vorzimmerdame Entscheidendes zur Aufklärung des Falls beizutragen hätte, wenn ihr nur mal einer die richtigen Fragen stellen würde. Aber auf die Idee kommt keiner.

Showdown


Wäre Rick in Form, wäre beim großen Showdown auch nie der Mensch in die „Schusslinie“ geraten, der ihm am liebsten auf der Welt ist …

Man muss die beiden vorangegangenen Bände nicht gelesen haben, um der Handlung folgen zu können. Mit Vorkenntnissen tut man sich aber leichter, den Überblick über das Romanpersonal zu behalten. Die Polizisten, Ricks Angehörige und seine Freunde vom Theater kennt man dann schon. Es kommt dann „nur“ noch das Umfeld von Dr. Joy Canova und Patricia Miles dazu. Ein Personenverzeichnis wäre nicht schlecht gewesen.

Für Kenner der Reihe ist Band 3 wie ein Besuch bei guten Freunden: dem sympathischen Rick und seiner quirligen und blitzgescheiten Nichte Cecilia, die nichts weiter wollen, als in Ruhe ihr Leben zu leben. Doch ihre gestörte und missgünstige Verwandtschaft, schlimme Ereignisse in der Vergangenheit und Zweifel an den eigenen Entscheidungen machen es ihnen schwer. Dabei wünscht man ihnen so sehr, dass sie glücklich werden!

Überraschend und tragisch zugleich


Aus welcher Ecke die Drohbriefe kommen, ahnt man als abgebrühter Krimileser ziemlich bald. Man fragt sich nur, ob dem Verfasser eigentlich bewusst ist, was er da tut. Und wie die Familien Miles und Croft in dem Fall mit drinhängen, das fragt man sich auch. Die Antwort darauf ist überraschend und tragisch zugleich.

Die Klavierlehrerin Patricia Miles ist die Romanfigur, mit der man mitfiebert. Wenn’s nach dem Leser geht, soll sie endlich ein Leben nach ihren Vorstellungen beginnen und keinesfalls „Shadoe“ zum Opfer fallen! Dass sie so jung ist — erst 27 — wird recht spät erwähnt und hat mich ziemlich überrascht. So wie ihre Ehe mit dem faden Lehrer Daniel geschildert wird, hielt ich die beiden für ein Ehepaar mittleren Alters, deren Beziehung nach 20, 25 Jahren langsam eingeschlafen ist. Ich glaub‘, ich bin so junge Heldinnen einfach nicht mehr gewöhnt.

Und so ganz nebenbei ist mir bei einer Zeugenbefragung klar geworden, welches Problem ich mit dem Begriff „Toleranz“ habe. Rick und der Befragte – Reginald Beech, Freund eines Mordopfers – haben das gleiche und bringen es auf den Punkt: „Überhaupt hasse ich den Begriff Toleranz. Er ist so herablassend, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ – „Man kann nur jemanden tolerieren, wenn man sich selbst die Macht zugesteht, über ihn urteilen zu dürfen.“ (Seite 293)
Genau das ist es. Danke, Rick. Und danke, Kris B.!

Die Autorin
Kris B. ist eines von fünf Pseudonymen der vielseitigen Autorin und Übersetzerin Christine Spindler, die selbst begeisterte Krimileserin ist. Sie hat als Setting für ihre vierbändige Reihe bewusst London gewählt, denn so gab es immer wieder Gründe für Recherchereisen in die quirlige Metropole – die perfekte Abwechslung zu ihrem ruhigen Alltag in einem idyllischen Dorf. Im Internet ist sie zu finden unter www.krisbenedikt.de und www.christinespindler.de

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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