Heike Abidi: Und dann kamst du (14 – 17 Jahre)

Heike Abidi: Und dann kamst du (14 – 17 Jahre), Hamburg 2019, Oetinger Taschenbuch im Verlag Friedrich Oetinger GmbH, ISBN 978-3-8415-0583-5, Softcover, 313 Seiten, Format: 12,7 x 2,7 x 19 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 7,99.

Abb. (c) Oetinger Taschenbuch

„Vor zwei Monaten hatte sie das Elternhaus verlassen, und was hatte sie in dieser Zeit erreicht? Nichts. Na ja, abgesehen davon, dass sie neue Freunde, neue Hobbys und zwei Aushilfsjobs ohne Perspektive gefunden hatte. Und einen herrenlosen Rucksack.“ (Seite 222)

Bis zum Abitur war für die neunzehnjährige Claire Cornelius alles klar: Sie würde zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Colin Medizin studieren und später, nachdem die Eltern sich zur Ruhe gesetzt hätten, mit ihm deren Praxis übernehmen. So könnten die Geschwister privat ein eigenes Leben führen und beruflich weiter das Dreamteam sein, dass sie von Geburt an waren.

Alle Zukunftspläne futsch

Doch dann erleidet Colin einen tödlichen Unfall, und nichts ist mehr, wie es war. Jetzt sitzt Claire 100 Kilometer von Familie und Freunden entfernt in einer WG an ihrem Studienort und fühlt sich ohne ihren Bruder vollkommen verloren. Das Studium ist ganz anders, als sie es sich vorgestellt hat. Sie fühlt sich fehl am Platz und weiß auf einmal nicht mehr, ob sie überhaupt noch Ärztin werden will. Ohne Colin ist das nicht mehr dasselbe. Soll sie die elterliche Praxis einmal allein übernehmen oder zusammen mit einem fremden Partner anstelle ihres Bruders? Das fühlt sich alles irgendwie falsch an.

War das mit dem Medizinstudium und der Praxisübernahme eigentlich jemals ihre eigene Zukunftsplanung, oder hat sie nur mitgespielt, weil ihre Familie das so sehr wollte? Und weil es vielleicht bequemer war, als sich selbst Gedanken zu machen?

Auf der Suche nach Sam

Um sich von ihrer Trauer und ihrer Planlosigkeit abzulenken, stürzt Claire sich in allerlei Aktivitäten: Sie arbeitet als Kellnerin, als Kassiererin an der Kinokasse, als Gehilfin eines mürrischen Friedhofsgärtners sowie ehrenamtlich als Helferin in einem Tierheim. Und obwohl sie ein notorischer Morgen- und Bewegungsmuffel ist, geht sie nun regelmäßig morgens mit ihrer Mitbewohnerin Jenny zum Joggen. Nur das Medizinstudium steht nicht ihrem Fokus. Dafür verbeißt sie sich in ein aberwitziges „Projekt“: Statt den Rucksack, den ein attraktiver junger Mann im Bus vergessen hat, beim Fahrer oder im Fundbüro abzugeben, nimmt sie das Ding mit heim und setzt alles daran, den Besitzer selbst ausfindig zu machen. Der Mann hat so traurig ausgesehen – vielleicht sind sie beide ja vom Schicksal dazu ausersehen, einander Halt und Trost zu geben. Am Ende sind sie gar Seelenverwandte!

Claire weiß selbst, dass das verrückt und kitschig klingt, aber mit der Suche nach dem jungen Mann hat sie wenigstens etwas Interessantes zu tun. Die Tagebuchaufzeichnungen, die sie in seinem Rucksack findet, verraten ihr, dass er Samuel heißt und gerade von seiner Freundin verlassen worden ist. Ein paar seiner Hobbys und sein vermutliches Studienfach gehen ebenfalls aus den Notizen hervor, und Claire beginnt, den Unbekannten ganz gezielt zu suchen.

Claire sortiert ihre Gedanken

Sams Tagebuch benutzt sie kurzerhand weiter. Sie schreibt darin ihre Überlegungen nieder als seien es Briefe an ihn. Dies und die fiktiven Dialoge mit ihrem Bruder helfen ihr, ihre Gedanken zu sortieren und sich selbst neu kennenzulernen.

Claire wird klar, dass Colin immer der Motor in ihrer Beziehung war und sie in allem mitgezogen hat. Wie sie ihr Leben gestalten will, hat nie jemand gefragt, nicht einmal sie selbst. Jetzt ist dieser „Motor“ ausgefallen. Das heißt, Claire selbst muss eine Richtung finden und die Kraft aufbringen, sich dorthin zu bewegen. Dass es kein Dauerzustand sein kann, so orientierungslos herumzudümpeln, wie sie es derzeit tut, ist ihr klar. Sam zu finden und ihm seinen Rucksack zurückzugeben, ist eine fixe Idee aber kein Lebensziel.

Es ist schon ziemlich schräg, was Claire alles veranstaltet und erlebt, um Sam „zufällig“ über den Weg zu laufen. Gut, dass er davon nichts mitkriegt! Er würde sich vermutlich eher gestalkt als geschmeichelt fühlen. Das ist ihr auch bewusst. Aber sie ist in einem Ausnahmezustand, und diese Suche hilft ihr. Anders gesagt: Indem sie Sam sucht und darüber schreibt, findet sie zu sich selbst.

Plötzlich muss man selbst entscheiden

Auch wenn dieser Selbstfindungsprozess bei den meisten jugendlichen Leser*innen glücklicherweise nicht so dramatisch verlaufen dürfte wie bei der Romanheldin – irgendwie müssen alle da durch. Irgendwann ist die Zeit vorbei, in der das Leben durch die Eltern und die Schule geregelt ist. Dann läuft nichts mehr „automatisch“. Man muss sich Ziele setzen, Entscheidungen treffen und selbst aktiv werden. Dass diese Phase nicht nur schwierig ist, sondern auch im positiven Sinne aufregend sein kann, zeigt dieser Roman. Claire macht ganz neue Erfahrungen und entdeckt auf einmal Interessen und Fähigkeiten an sich, von denen sie bislang nichts geahnt hat.

Was mich als erwachsene Leserin bei der Stange gehalten hat, war seltsamerweise nicht die Frage, ob Claire den rechtmäßigen Besitzer des Rucksacks findet und wie er auf ihre obsessive Suche nach ihm reagieren wird. Meinetwegen hätte sie die Suche nach Sam auch einfach als Hirngespinst aufgeben können. Ich wollte unbedingt wissen, für welches Studium/welche Ausbildung sie sich entscheiden wird. Wie wohl die meisten Erwachsenen ging ich im Geiste mögliche Alternativen durch und hätte die arme Claire im wahren Leben wahrscheinlich fürchterlich damit genervt, statt sie ihre Bestimmung alleine finden zu lassen. 🙂 So gesehen ist es gar nicht verkehrt, wenn auch Angehörige eines jungen Menschen in der Berufsfindungsphase mal einen Blick in dieses Buch werfen.

Wie man Geld verdient

Sehr aufschlussreich war für mich Claires Gespräch mit der Geisteswissenschaftlerin Sophie über die Frage, wie man das im Studium erworbene Wissen hinterher am besten zu Geld machen kann. Schließlich studiert man ja nicht nur zum Spaß, sondern weil man einen Beruf braucht, von dem man leben kann. Und da gibt es in der Tat verschiedene Herangehensweisen.

Der Schluss hat mich dann ein wenig überrumpelt. Das ging mir einen Tick zu schnell. Aber im Grunde war alles Wesentliche erzählt, und da kann ich dann auch mit einer gewissen Verkürzung leben. Ich würde das unterhaltsame Buch jederzeit jungen Leser*innen, die sich mit dem Thema Berufswahl und Zukunftsplänen beschäftigen, in die Hand drücken.

Die Autorin

Heike Abidi, Jahrgang 1965, ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane, Kinder- und Jugendbücher sowie unterhaltende Sachbücher – Letzteres zusammen mit Lucinde Hutzenlaub und Ursi Breidenbach.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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