Ben Aaronovitch: Ein weißer Schwan in Tabernacle Street. Roman

Ben Aaronovitch: Ein weißer Schwan in Tabernacle Street. Roman, OT: False Value, aus dem Englischen von Christine Blum, München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26278-1, Klappenbroschur, 428 Seiten, Format: 13,7 x 4,3 x 21,1 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 12,99, auch als Hörbuch lieferbar. Ab August 2021 auch als Taschenbuch für EUR 10,95 erhältlich.

Abb.: (c) dtv

Ja, wie? Police Constable Peter Grant, 28, arbeitet gar nicht mehr bei der Londoner Metropolitan Police? Offenbar hat man ihn nach dem desaströsen Ausgang seines letzten Falls gefeuert. Jetzt steht sein vormaliger Boss, der Magier DCI Thomas Nightingale von der geheimen Spezialeinheit für übernatürliche Ereignisse, ohne seinen „Zauberlehrling“ da und hat nur noch Abigail Kamara als mögliche Nachfolgerin. Aber die ist erst am Anfang ihrer Ausbildung zur Magie-Polizistin.

Der geschasste Peter sitzt nun als Bewerber im Büro von Ex-Polizist Tyrel Johnson, dem Sicherheitschef der Serious Cybernetics Corporation (SCC). Das ist das neueste Londoner Projekt des Silicon-Valley-Milliardärs Terrence Skinner, einem Australier mit US-amerikanischem Pass. 

Eine Ratte unter Mäusen

Was die SCC genau macht? Keine Ahnung. Irgendwelches Computergedöns eben. Auf jeden Fall ist das ein unübersichtlicher Gebäudekomplex voller Großraumbüros und Technik-Nerds, die ein bisschen menschenverachtend als „Mäuse“ bezeichnet werden. Denen soll Peter auf die Finger schauen. Sicherheitschef Johnson vermutet nämlich eine „Ratte“ unter ihnen: einen Mitarbeiter, der aus unlauteren Motiven im Unternehmen herumschnüffelt. Das ist vor allem deshalb unerwünscht, weil in einem streng abgeriegelten Hochsicherheitstrakt etwas überaus Geheimes vor sich geht.

Besonders toll findet Peter Grant das Jobangebot nicht. Kolleg*innen heimlich auszuspionieren widerstrebt ihm. Aber er kann nicht wählerisch sein: Seine Lebensgefährtin, die Flussgöttin Beverley Brook, hat zwar ein recht großes Haus, aber kein geregeltes Einkommen. Sie studiert noch – und sie erwartet Zwillinge. Von irgendwas muss der Schornstein rauchen, also fängt Peter bei der SCC an.

Wer jetzt schon „hä?“ denkt, weil er/sie keinen der sieben (oder neun, wenn man die Spin-Offs mitzählt) Vorgängerbände gelesen hat, sollte besser bei Band eins anfangen: DIE FLÜSSE VON LONDON. Ein Quereinstieg in diese abgefahrene Urban-Fantasy-Welt ist ein bisschen schwierig. Vor allem, weil der Autor einen Hang zu viiiiel Romanpersonal und diversen Nebenhandlungen hat, von denen man nie weiß, ob sie nun für den weiteren Fortgang der Geschichte wichtig sind oder nicht.

Ein Computer aus dem 19. Jahrhundert

Und dann, nach dreißig Seiten, beschert uns Aaronovitch auf einmal eine Rückblende, der Peters neue Karriere in einem anderen Licht erscheinen lässt: Einem Schausteller, der auf Jahrmärkten eine alte mechanische Orgel betreibt, ist ein Notenbuch aus dem 19. Jahrhundert gestohlen worden. Es trug den seltsamen Titel „Die Zahlenzauberin“ und war gar nicht dafür geeignet, auf seiner Orgel abgespielt zu werden. Dafür hat es viel zu viele Tonstufen. Der Schausteller, der vor –zig Jahren mal Informatik studiert hat, hält das Ding für eine Art Lochkarte, mit der man einen Vorläufer der modernen Computer hätte programmieren können. Er sieht Verbindungen zu den Mathematikern Charles Babbage (1791 – 1871) und Ada Lovelace (1815 – 1852), die die Rechenmaschine „Analytical Engine“ entwickelt haben. Peter Grant wundert nichts davon.

Beim Diebstahl des Notenbuchs war Magie im Spiel, und die Spur führt zu einem praktizierenden Magier aus den USA. Der wiederum hat eine Verbindung zur Serious Cybernetics Corporation. Und wir ahnen, dass Peter mitnichten aus den Ermittlungen von Nightingales Abteilung raus ist. Er befasst sich nach wie vor mit „abstrusem Sch**ß“ (Polizeijargon) und ist im Moment Undercover unterwegs.

Was geht vor auf der geheimen Etage?

Im Umfeld von Peters derzeitigem Arbeitgeber ereignet sich so einiges, das nur durch den Einfluss von Magie zu erklären ist. Treiben die da im geheimen Gebäudetrakt irgendwelchen Unfug mit der historischen Rechenmaschine aus dem 19. Jahrhundert? Wozu? Und wie soll das funktionieren? Magie und Technik haben sich bislang gegenseitig ausgeschlossen. Wir Kenner*innen der Reihe wissen seit Jahren, dass die Innereien von Handys und Computern augenblicklich zu Sand zerfallen, wenn sich ihrer Umgebung etwas Magisches ereignet. Haben Skinners Leute das irgendwie zu verhindern gelernt? 

Eine brandgefährliche Mischung

Merkwürdige Drohnen mit unerklärlichem Antrieb legen tatsächlich den Verdacht nahe, dass irgendjemand es geschafft hat, Zauberei und moderne Technik miteinander zu verbinden. Das wäre das ultimative Machtinstrument, das man nicht gern in den Händen von narzisstischen Millardären oder größenwahnsinnigen Technikfreaks wüsste. Eigentlich in niemandes Händen. So etwas Gefährliches sollte es gar nicht geben!

Irgendwie muss Peter in das geheime Stockwerk der SCC gelangen um herauszufinden, was dort vor sich geht und das Schlimmste verhindern. Das ist gar nicht so einfach! Seinen Vorgesetzten bei der SCC muss er weiterhin den loyalen Angestellten vorspielen und die Mitarbeiter will er nicht in Gefahr bringen. Er hat diverse Behörden aus dem In- und Ausland im Nacken, die er besser nicht verärgern sollte und seine Lebensgefährtin Beverley, deren magische Macht als Flussgöttin nicht zu unterschätzen ist, hat ihre eigene Meinung dazu, wie in diesem Fall zu verfahren sei. Zu allem Übel pfuschen ihm auch noch zwei ausländische Magier aus dem Club der Librarians dazwischen, die er nicht für voll nimmt. Das könnte sich allerdings als fataler Fehler erweisen …

Bosheiten, Sachschaden und Magie

EIN WEISSER SCHWAN IN TABERNACLE STREET ist ein Peter-Grant-Abenteuer, wie wir es kennen: Viele Figuren, diverse Handlungsstränge, eine Menge Sachschaden – wenn die Jungs nicht pro Band mindestens ein Gebäude in Schutt und Asche legen, fehlt was –, diverse Popkultur-Referenzen, von denen ich wenigstens die verstanden habe, die sich auf Douglas Adams’ PER ANHALTER DURCH DIE GALAXIS beziehen, und allerlei Lästerliches über Architektur, Stadt- und Verkehrsplanung:

„Old Street Roundabout ist ein diamantförmiger Verkehrsknotenpunkt vom Ende der sechziger Jahre, dessen Zweck darin bestand, möglichst viele Radfahrer von dem Versuch abzuhalten, in die Stadt hinein- oder aus ihr herauszukommen. Gemäß den damaligen Planungsgepflogenheiten wurden noch ein paar düstere, raubüberfalloptimierte Fußgängerunterführungen, ein viel zu enger Zugang zur U-Bahn-Station Old Street und eine kleine, pinkelfreundlich beige geflieste Ladenzeile hinzugefügt.“ (Seite 58)

Viele Figuren – und ein neuer Gegner

Für diese gehässigen kleinen Exkurse liebe ich Ben Aaronovitch! Was mir zu schaffen macht, ist die Personalfülle. Wenn ich das Buch weggelegt und nach ein paar Stunden wieder zur Hand genommen habe, musste ich mich oft erst orientieren: „Moment! Wer war das nochmal? Wo sind die? Und was haben sie vor?“ – Das Stammpersonal habe ich im Griff: die Polizisten samt Anhang, die Mitarbeiter des Folly, Peters erweiterte Familie, die Sippe der Flussgötter … die kenne ich ja lange genug. Aber was darüber hinaus an Victors, Jacobs, Olivers und Stephens durch die Geschichte wuselt, hat mich manchmal überfordert.

Ich habe mal gelesen, die Peter-Grant-Reihe lese sich „wie Harry Potter auf Speed“. Da ist was dran. Es macht Spaß, aber manchmal muss man wohl die Kontrolle über die Handlung abgeben, sich zurücklehnen und zusehen, wie’s blitzt und kracht. Bei dem Versuch, die Handlungsfäden im Griff zu behalten, verzweifelt man sonst.

Beim Showdown am Schluss dachte ich: Okay wenn der Autor meint … Ich hätte auch jede andere Erklärung akzeptiert. In so einer schrägen magischen Welt ist schließlich alles möglich. Na, jedenfalls scheinen Peter und seine Kolleg*innen nach dem Abgang des „Gesichtslosen Magiers“ im letzten Band nun einen neuen mächtigen Gegner zu haben. Weitere magische Abenteuer sind also gesichert.

Der Autor

Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ‚Doctor Who‘ verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

Die Übersetzerin

Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. 

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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