Angelika Godau, Luise Klein: Herbstfrühling. Familienroman

Angelika Godau, Luise Klein: Herbstfrühling. Familienroman, Zweibrücken 2021,  MVB GmbH, ISBN 978-3-00-070094-1, Softcover, 281 Seiten, Format: 12,7 x 1,68 x 20,32 cm, Buch: EUR 9,99, Kindle: EUR 3,99.

Abb.: (c) MVB / Godau

„Für euch bin ich eigentlich längst tot, aber für Jonathan, für den lebe ich noch. Als ich das begriffen habe … na ja, da habe ich auch begriffen, dass ich noch etwas mehr mit meinem Leben anfangen will, als auf einen Anruf oder einen dieser seltenen Besuche meiner Kinder zu warten. (…) Und jetzt frage ich euch nicht, sondern tue, was ich für das Beste halte … das Beste für mich. Was ist daran unfair?“ (Seite 242)

Was hier mit einem lustig bunten Cover daherkommt und über pointierte Dialoge verfügt, ist kein platter Schenkelklopfer. Es geht um drei Frauengenerationen und drei Problemfelder, die alle miteinander verknüpft sind.

Langeweile im Seniorenheim

Inge Berger, 77, lebt seit dem Tod ihres Mannes im Seniorenheim. Das war nicht ihre Idee. Ihre Kinder haben das für sie arrangiert, als sie in Trauer und nicht imstande war, Entscheidungen zu treffen oder sich auch nur gegen die Aktionen anderer zu wehren.

Im Heim ist es so mittelprächtig. Inge hat mehr und mehr das Gefühl, dass das Leben ereignislos an ihr vorbeiplätschert und dass da eigentlich noch was kommen müsste. Denn wenn hier was passiert, ist es garantiert nichts Gutes: Entweder ruft ihre Tochter Sarah an um sich bei ihr zu beklagen oder um ihr Vorwürfe zu machen.

Probleme in der Familie

Gut, Sarah (Mitte 40) hat es nicht leicht: Sie hat vor Jahr und Tag trotz aller Warnungen den charmanten Hallodri Alex geheiratet, der sie fortwährend betrogen und schließlich mit zwei Kindern sitzengelassen hat. Lars (12) ist ja noch einigermaßen pflegeleicht, aber das Zusammenleben mit Tochter Lara (14) ist die Vorhölle.

Lara soll sich regelmäßig bei Oma Inge melden. Ja, am Ar***, sonst noch was? Was interessiert sie denn, was die Alte da labert? Sie wird nur bei ihr anrufen, wenn sie angemessen dafür bezahlt wird! Die erkauften Anrufe sind denn auch nicht sehr erbaulich: Lara ist unverschämt, respektlos, berechnend und intrigant. Ihre Jugendsprache und die pubertätsbedingte Egozentrik sehe ich ihr nach. Das ist so in dem Alter. Ansonsten ist die Kleine ein Rabenaas: Wer ihr nicht von Nutzen ist, hat keinen Platz in ihrem Leben.

Der Rest der Familie wäre gar nicht so übel, meldet sich jedoch nie bei Inge. Sie hat aber auch, bei aller Liebenswürdigkeit, ein Talent, mit ihren gut gemeinten Fragen und Bemerkungen genau die Knöpfe zu drücken, die ihre Mitmenschen direkt an die Decke gehen lassen. Dass Tochter und Enkelin meist stark überreagieren und ausfallend werden, hat sie aber nicht verdient.

Als Lara nach einem Familienstreit spurlos verschwindet – und die Leser*innen schon hoffen, dass sie erst in 5 bis 10 Jahren wieder auftaucht, nachdem das Leben sie ein bisschen zurechtgeschliffen hat –, steht Mutter Sarah völlig neben sich. Ihr Ex-Gatte ist bei der Suche nach der Tochter keine Hilfe, ihr Bruder auch nicht, und dann stellt sich bei der Gelegenheit auch noch heraus, dass ihre Mutter Inge einen neuen Freund hat!

Oma hat einen Freund

Jonathan Brinkmann, pensionierter Polizeibeamter und Witwer, ist 11 Jahre jünger als Inge und engagiert sich ehrenamtlich im Seniorenheim. Dabei hat er sich mit Inge angefreundet. Und offenbar steckt mehr dahinter, denn Inge modernisiert von Grund auf ihr äußeres Erscheinungsbild und spricht sogar davon, ihren Heimplatz aufzugeben und mit Jonathan zusammenzuziehen.

Die Tochter sieht rot

Tochter Sarah sieht rot. Sie sieht in dem gut situierten Pensionär einen Heiratsschwindler, der es auf das Vermögen der Arztwitwe abgesehen hat. Da nutzen nicht mal die guten „Leumundszeugnisse“, die ihm gemeinsame Bekannte ausstellen. Als gar durchsickert, dass das Paar künftig im Ausland zu leben gedenkt, will Sarah diese Beziehung unbedingt torpedieren. Ob sie sich wirklich Sorgen um ihre Mutter macht oder eher um ihr Erbe, ist eine gute Frage.

Zufällig kommt Pubertier-Biest Lara dahinter, was ihre Mutter vorhat und sieht eine Chance, ihr eins auszuwischen, indem sie ihren Plan hintertreibt. Aus strategischen Gründen schlägt sie sich jetzt auf Inges und Jonathans Seite. Nun haben die beiden Hilfe from hell

***

Liebe Oma Inge, schnapp dir deinen Jonathan, zieh mit ihm in den Süden und genieße dein Leben! Wenn sich deine Familie bei dir meldet und ehrlich wissen will, wie es dir geht, fein! Ansonsten sollen sie allesamt zum Teufel gehen. Der wird ihre Gesellschaft bestimmt zu schätzen wissen.

Warum lässt Inge sich das gefallen?

Die ganze Zeit über habe ich mich gefragt, warum die patente Inge Berger sich von ihren Nachkommen dieses unterirdische Benehmen gefallen lässt und den Herrschaften nicht mal ordentlich den Marsch bläst. Es wäre mal an der Zeit! Wieso Inge so nachsichtig ist, hängt mit einem Familiengeheimnis zusammen, das uns Leser*innen so nach und nach enthüllt wird. Am Schluss wird uns so manches klar. Nur die Familie tappt weiterhin im Dunkeln und bleibt ihn ihren problematischen Beziehungen verstrickt.

Fortsetzung folgt

Ich wage mir kaum vorzustellen, wie z.B. Sarah sich aufführen wird, wenn jemals die Wahrheit ans Licht kommen sollte. Wir werden es vermutlich erleben, denn eine Fortsetzung folgt. Und die will ich auf keinen Fall verpassen! Vielleicht findet Inges Familie ja doch noch zu einem erwachsenen Miteinander und einem zivilisierten Umgangston. Einen Funken Hoffnung habe ich, denn wenn die  einzelnen Personen außerhalb des Familienverbands agieren – Sarah und Stefan oder Lara und ihre Schulkamerad*innen – sind sie gar nicht so verkehrt. Und bessert sich nichts: enterben, die übergriffige Bagage!

Die Autorinnen

Angelika Godau, geboren in Oberbayern, hat in verschiedenen Regionen Deutschlands gelebt und fast 10 Jahre lang in der Türkei. Sie hat als Journalistin gearbeitet, Psychologie studiert und in Mannheim eine eigene Praxis betrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze in Zweibrücken, schreibt Bücher und engagiert sich im Tierschutz.

Luise Klein, 2007 in Heidelberg geboren, besucht ein Gymnasium in Zweibrücken. Auch wenn sie  bisher noch keinen konkreten Berufswunsch hat, das Mitschreiben an diesem Buch hat ihr viel Spaß gemacht. Der Part der 14-jährigen Lara klingt daher sehr nach ihr.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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