Kerstin Ehmer: Der blonde Hund. Ein Fall für Kommissar Spiro, Band 3

Kerstin Ehmer: Der blonde Hund. Der 3. Fall für Kommissar Spiro, Bielefeld 2022, Pendragon Verlag, ISBN 978-3-86532-763-5, Klappenbroschur, 458 Seiten, Format: 13,4 x 3,5 x 20,4 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 19,99.

Abb.: (c) Pendragon

„Die Feldstein und ihre Freundinnen haben Geld, große Häuser und höchste gesellschaftliche Anerkennung. Ihr Salon ist seit Jahrzehnten eine Institution. […] Aber es reicht ihnen nicht. Jetzt engagieren sie sich für diesen ehemaligen Zuchthäusler und seine Nationalsozialisten.“
„Ihnen ist fad. Nach ein paar Monaten langweilt er sie und kommt in eine Truhe auf den Dachboden zu den anderen.“
 (Seite 190)

Ein Toter in der Spree

Berlin, November 1925: Ein Toter treibt in der Spree. Kriminalkommissar Ariel Spiros erster Eindruck bestätigt sich: Der Mann wurde bewusstlos geschlagen und in den Fluss geworfen, wo er ertrank. Zeugen? Ja! Zwei Kleinganoven wollen gesehen haben, wie ein dünner Zivilist und ein dicker Uniformierter eine leblose Person ins Wasser geschmissen haben. Genauer können sie die Täter nicht beschreiben, es war ja dunkel.

Wenigstens wird der Tote schnell identifiziert: Es handelt sich um Friedrich Drecka aus München, einen Redakteur des „Völkischen Beobachters“. Sein Chef, der mit ihm zusammen nach Berlin gereist ist, hat ihn als vermisst gemeldet. Doch über den Zweck ihres Besuchs und darüber, wen sie wann und wo getroffen haben, bekommt die Polizei nur Halbwahrheiten zu hören. Als Spiro dem Berliner Bekanntenkreis der Journalisten auf den Zahn fühlt, bekommt er Druck von oben und Ärger mit den Kollegen von der Politischen Polizei: Dies ist geheim, das ist tabu, jene Leute darf er keinesfalls befragen, weil sie so wichtig sind. Eigentlich darf er gar nichts mehr tun.

Inkognito nach München

Mit Billigung seines Vorgesetzten reist der Kommissar schließlich unter falschem Namen nach München. Vielleicht findet er dort ein Motiv für den Mord an dem Redakteur. Und möglicherweise trifft er auch den blonden jungen Mann an, mit dem Drecka kurz vor seinem Tod einen heftigen Streit gehabt haben soll. Von ihm hat die Polizei allerdings nur eine vage Personenbeschreibung und einen Spitznamen: Canis.

Auf der Fahrt nach München begegnet Spiro dem US-amerikanischen Journalisten Benjamin Fish. Der ist auf der Suche nach spektakulären Geschichten für seine Landsleute. Spiro fasst Vertrauen zu ihm und erzählt ihm von seinem Fall. Fortan sind sie gemeinsam unterwegs. Von München führt eine Spur nach Dresden, von dort ins pommersche Retzin zu der sektenartigen Gruppierung der Artamanen. Doch etwas ist seltsam: Obwohl Spiro heimlich und inkognito reist und extrem vorsichtig ist, sind ihm stets irgendwelche uniformierten Gestalten auf den Fersen.

Unterschätzte Gegner

Spät dämmert dem Polizisten und seinem amerikanischen Reisebegleiter, dass die Völkischen vielleicht doch mehr sind als „eine Bande von zerstrittenen Dummbeuteln“ (Seite 274) – und dass es in Spiros unmittelbarem Umfeld einen „Maulwurf“ geben muss, der jeden seiner Schritte an die Nazis verrät.

Während Ariel Spiro kreuz und quer durchs Land reist um Friedrich Dreckas Mörder zu finden, hat seine kapriziöse Geliebte, die Medizinstudentin Nike Fromm, daheim in Berlin einen eigenen „Fall“: Ein lebensgefährlich verletzter Stricher wird zu ihr ins Institut für Sexualwissenschaft gebracht. Wer hat den Unbekannten so zugerichtet? Nikes exzentrischer Bruder Ambros und dessen Lebensgefährte Valerian haben eine gewisse Vorstellung davon und verschaffen der unerschrockenen Medizinstudentin Zutritt zur extremen Sado-Maso-Szene. Dort mischen ein paar hohe Herren der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ebenso mit wie bei all dem angesagten esoterischen Mumpitz, mit dem Nike sich derzeit spaßeshalber beschäftigt.

Ungeheuerliche Vorgänge

Bei ihren privaten Nachforschungen stößt sie auf ungeheuerliche Vorgänge, kann aber aus verschiedenen Gründen damit nicht zur Polizei gehen. Auch nicht inoffiziell, denn Ariel soll keinesfalls erfahren, wo sie sich während seiner Dienstreisen herumtreibt. Das ist schade, denn wenn er wüsste, was sie weiß, ergäbe manches rätselhafte Detail in seinem Fall viel schneller einen Sinn.

Die beiden Vorgängerbände (DER WEISSE AFFE und DIE SCHWARZE FEE) mochte ich sehr. Hier hatte ich ein bisschen Mühe, den vielen Handlungssträngen zu folgen: 

  • Spiro und der ermordete Redakteur, 
  • Die Suche nach „Canis“,
  • Kommissar Bohlkes unfreiwilliger Kontakt zu den Anthroposophen, 
  • Nike auf dem Esoteriktrip,
  • Die zum Teil tödlichen Unfälle in der Sado-Maso-Szene,
  • Die Partei-Interna …

Ich weiß nicht, ob es Absicht war – ob wir Leser:innen das denken sollen – aber ich habe 300 Seiten lang Lukas und „Sebastian“ für ein und dieselbe Person gehalten und war dann entsprechend verwirrt.

Packende „Zeitreise“

Auch wenn ich die Puzzleteile nicht stets zu meiner Zufriedenheit zusammenfügen konnte – das brodelnde Berlin der goldenen Zwanzigerjahre ist immer eine „Zeitreise“ wert. Kommissar Spiro und seine etwas überkandidelte jüdische Schwiegerfamilie Fromm sind mir seit dem ersten Band ans Herz gewachsen. Und Kerstin Ehmers bildhafte Sprache ist eine Klasse für sich.

Jeder, der den Band mit dem Wissen von heute liest, fürchtet natürlich um die Sicherheit der Hauptfiguren. Der einzige in der Geschichte, der politischen Weitblick zeigt, ist ausgerechnet ein Astrologe. Er rät Nike dringend, sich und ihre Familie in Sicherheit zu bringen und schnellstmöglich ins Ausland zu gehen. Da äußert er zur Abwechslung mal was Vernünftiges, und dann nimmt sie ihn nicht ernst! Die Autorin sagt dazu in einem Interview:

„Ein Zeitenwandel ist latent stets spürbar. Die Nationalsozialisten treten auf den Plan und werden in ihren Anfängen noch belächelt. Die Protagonisten können natürlich noch nicht wissen, wie tragisch das alles noch enden wird. Das ist ein interessanter Blick auf die historischen Ereignisse, die wir ansonsten heute wissenschaftlich-faktisch betrachten würden.“ (Auszug. Das Interview mit Kerstin Ehmer führte Frank Osiewacz)

Wenn es noch weitere Bände der Reihe geben sollte, werden wir sehen, was das Schicksal für den Kommissar und die Familie Fromm bereithält. Ariel Spiro soll sich bitte nicht in Sicherheit wiegen, nur weil er mit Religion nichts im Sinn hat. Seit dem ersten Band wissen wir: Einen Ariernachweis wird er nicht erbringen können.

Die Autorin

Kerstin Ehmer arbeitete als Mode- und Porträtfotografin. Seit 2001 betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. 2017 erschien mit »Der weiße Affe« ihr erster Kriminalroman und ihr erster Fall mit Kommissar Spiro. Es folgten die Bände »Die schwarze Fee« (2019) und »Der blonde Hund« (2022).

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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