Pia Rosenberger: Wir Frauen aus der Villa Hermann. Roman

Pia Rosenberger: Wir Frauen aus der Villa Hermann. Roman, Berlin 2023, Aufbau Taschenbuch, ISBN 978-3-7466-3921-5, Softcover, 480 Seiten, Format: 13,3 x 3,6 x 20,5 cm, Buch: EUR 14,00 (D), EUR 14,40 (A), Kindle: EUR 4,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) Aufbau Taschenbuch

„Erika war nie so getrieben wie wir“, sagte [Lia] mit einer Spur Neid.
„Erika ist unbesiegbar“, stimmte Martin ihr zu. „Sie war heil und ist es noch immer.“
„Wir hingegen sammeln unsere Scherben immer wieder auf und setzen zusammen, was von uns übrig geblieben ist.“
 (Seite 389)

(Seite 389)

Aus dem Klappentext wusste ich, dass es in dem Buch darum geht, wie die Blue Jeans nach Deutschland gekommen sind. Aber es hat geraume Zeit gedauert, bis mir klar wurde, welche Firmengeschichte die Inspiration für diesen Roman war. MUSTANG! Ach was! Wie viele andere Menschen auch, hatte ich das immer für ein US-Unternehmen gehalten. (Ich bin aber auch nicht besonders markenaffin.) Dass die deutschen Jeans-Pioniere im baden-württembergischen Künzelsau angefangen haben, war eine Überraschung für mich. 

Zunächst deutet auch gar nichts auf diese Entwicklung hin. Aber es beginnt bereits im Winter 1932. Luise Hermann, Mutter zweier Kinder, betrauert ihren Ehemann Heinrich. Und wie’s aussieht, war sein Holzhandel nicht so erfolgreich wie alle, einschließlich Luise, geglaubt haben. Die Aasgeier in Gestalt örtlicher Geschäftsleute kreisen schon auf Heinrichs Beerdigung. Man will der Witwe die Firma für einen Appel und ein Ei abschwatzen. Aber Luise ist geschäftstüchtig und sieht zu, dass ihre Familie bei dem Deal nicht zu kurz kommt.

Mit Unterstützung ihrer Schwester – der Schneiderin Johanna – und dem befreundeten Nürnberger Ehepaar Sefranek gründet Luise eine eigene Firma. Sie stellt Näherinnen ein und fertigt im ersten Stock ihrer Villa Berufskleidung. Das ist manchen Leuten ein Dorn im Auge, aber das ist Luise egal. Das Leben muss ja irgendwie weitergehen.

Ihre Kinder, Erika und Rolf, wachsen zusammen mit Lia, der temperamentvollen Tochter von Haushälterin Marga Günther, frei und unbelastet auf. Bester Freund der unzertrennlichen drei: Martin Rubin, der Sohn des Schuhmachers.

Die politischen Entwicklungen zeichnen sich ab, aber in der Provinz bekommen Luise und ihr Umfeld erst mal nicht viel davon mit. Sie nehmen die Sache nicht ernst. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Aus Erika Hermann und Martin Rubin wird ein Paar, heimlich natürlich, denn Martin ist Jude, und eine solche Beziehung ist hochriskant. Seine Familie trägt sich mit Auswanderungsgedanken, zögert die Umsetzung ihrer Pläne aber immer wieder hinaus.

Lia, die wilde Tochter der Haushälterin, erweist sich als begnadete Näherin und träumt von einer Karriere als Modedesignerin. Als ungelernte Arbeiterin Berufskleidung und Uniformen zu nähen unterfordert sie. Die Ausbildung zur Schneiderin, die Luise ihr vermittelt, entspricht ihr mehr. Beruflich läuft es für die impulsive junge Frau bestens, doch privat begeht sie einen großen Fehler und setzt damit eine unselige Familientradition fort. Hals über Kopf flieht sie nach Berlin.

Lange trauert Erika um ihre Liebe zu Martin Rubin, doch das Leben geht weiter. Ihre Mutter und deren Nürnberger Freunde verkuppeln sie mit Albert Sefranek, einem jungen Offizier an der Front. Sie schreiben einander Briefe und verloben sich bei Alberts Heimaturlaub. Die Eltern hatten recht: Die zwei passen prima zusammen!

Der Neustart nach dem Krieg ist schwierig. Zwar liegt Künzelsau nicht in Trümmern, aber Luises Näherei fehlt es an Kundschaft. Weder Uniformen noch Berufskleidung sind im Moment gefragt. Sie müssen sich was Neues einfallen lassen.

In der Hermann-Villa haben sich US-Soldaten einquartiert. Albert Sefranek, der seine Erika in einer irrwitzigen Zeremonie geheiratet hat, hat seine Pläne aufgegeben, Vermessungsingenieur zu werden und steigt in den Textilbetrieb seiner Schwiegermutter ein. Mit seinem außergewöhnlichen Organisationstalent beschafft er Maschinen, Material und Aufträge. Und er hat eine Idee: Wie wär’s, wenn sie die widerstandsfähigen blauen „Ami-Hosen“ produzieren würden, die derzeit vor allem bei der Jugend gefragt sind? Cousin Karl, der in Frankfurt einen „StEG“-Laden betreibt, in dem er mit nicht mehr benötigten Versorgungsgütern der deutschen und amerikanischen Armee handelt, weiß auch, wie man an die entsprechenden Schnitte kommen kann. Noch so eine abenteuerliche Episode!

Chefin Luise ist von der Idee ihres Schwiegersohns entsetzt. Die Hosen kennt sie von den Soldaten in der Villa und findet sie schrecklich vulgär. Aber sie ist geschäftstüchtig. Zahlen haben sie schon immer überzeugt.

Jetzt müssen nur noch die passenden Materialien und die Maschinen her, die den stabilen Stoff und vor allem die Dreifachnähte verarbeiten können. Auf seiner halsbrecherischen „Einkaufstour“ gerät Albert Sefranek in eine brenzlige Situation und wird von ein paar beherzten Männern herausgepaukt. Einer der Herrn ist so freundlich, ihn mit dem Auto zurück nach Künzelsau zu bringen. Albert hat ja keine Ahnung, wer ihn da nach Hause chauffiert …!

Weil ich mir anfangs keinen Reim darauf machen konnte, wessen Geschichte in dem Roman erzählt wird, habe ich gegoogelt und tatsächlich einiges dokumentiert und bestätigt gefunden. Die Firmengründung, die skurrile Hochzeit, Alberts Rolle in der Firma und wie er an die Musterjeans gekommen ist, das scheint sich im Wesentlichen so zugetragen zu haben. Erfunden sind die Handlungsstränge rund um Lia und Martin. Die stehen, ähnlich wie die Sintiza Elvira Reinhard, der Schneider Rolf Falbe und der zwielichtige Geschäftsmann Arno Kohlhaas stellvertretend für „typische“ Schicksale in jener Zeit.

Ich finde ja die rebellische Lia so klasse! Sie lässt sich durch nichts aufhalten. Was die Leute sagen, ist ihr vollkommen wurscht. Zäh und beharrlich verfolgt sie ihre Ziele. Durch Rückschläge und Schicksalsschläge lässt sie sich nicht auf Dauer entmutigen. Stellenweise war Lia für mich die eigentliche Heldin der Geschichte. Vielleicht, weil Luise für diese Rolle zu streng und zu stur war und Erika ein bisschen zu brav. Da haben Lia und ihr chaotisches Familienleben schon mehr Saft und Kraft.

Bei der romanhaften Aufbereitung einer wahren Geschichte, ist es meiner Meinung nach in Ordnung, wenn man aus Gründen der Dramaturgie und Spannung einzelne Handlungselemente verändert und/oder fiktive Teile hinzufügt.

Für mich war WIR FRAUEN AUS DER VILLA HERMANN eine unterhaltsame „Zeitreise“ – und ein bisschen was erfahren und gelernt habe ich auch. Ob der Arbeitstitel des Romans ursprünglich mal DAS HAUS DER BUNTEN VÖGEL gelautet hat? So wird die Villa Hermann nämlich immer wieder genannt. Und die Bezeichnung passt perfekt.

Pia Rosenberger wurde in der Nähe von Osnabrück geboren und studierte nach einer Ausbildung zur Handweberin Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Pädagogik. Seit über 20 Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Esslingen und arbeitet als Autorin, Journalistin, Museumspädagogin und Stadtführerin. 

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Rezensentin: Edith Nebel 
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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