Anita Konstandin: Morgen früh, wenn Gott will: Ein Baden-Württemberg-Thriller

Anita Konstandin: Morgen früh, wenn Gott will: Ein Baden-Württemberg-Thriller, Tübingen 2016, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1479-9, Softcover, 521 Seiten, Format: 12,1 x 4,3 x 19 cm, Buch: 14,90, Kindle Edition: EUR 11,99.

Abbildung: (c) Silberburg-Verlag
Abbildung: (c) Silberburg-Verlag

Auch wenn der Kriminalfall in Stuttgart spielt: Das hier ist kein schnurriger Regionalkrimi mit Kehrwoche, Viertele, Dialekt und putzigen Nebenfiguren – das ist ein handfester Thriller! Gut, auf den ersten 120 Seiten passiert nicht so rasend viel. Das Grauen sickert ganz langsam und zunächst unbemerkt in das Leben der allein erziehenden Graphikerin Juliane Wiechmann (42) und ihrer fünfjährigen Tochter Merle.

Gerade erst sind die beiden in ihr Reihenhaus in Stuttgart-Feuerbach gezogen und freuen sich über die Hilfe des patenten und handwerklich begabten Nachbarn Mark Bohn. Der ist Ergotherapeut, rund 10 Jahre jünger als Juliane und hilft immer gern. Sie behandelt ihn wie einen kleinen Bruder und merkt nicht, dass er von einem Familienglück mit ihr und Merle träumt.

Netter Nachbar mit dunkler Seite


Dass Bohn alle möglichen Drogen konsumiert, eine massive Persönlichkeitsstörung hat und unter den Folgen traumatischer Kindheitserlebnisse leidet, bleibt Juliane ebenfalls verborgen. Zum einen versteht er es ausgezeichnet, sich hinter der Maske des netten und freundlichen Kumpels zu verstecken, zum anderen ist die berufstätige Mutter sehr mit sich selbst beschäftigt: da ist ihre Tochter Merle … ihr Job in einem Verlag … ihr Traum von der Karriere als Kinderbuchautorin … ihr unzuverlässiger Exgatte und ihr neuer Freund. Mark Bohn existiert für sie nur am Rande.

Nachdem Bohn erfahren hat, dass Juliane bald nach München ziehen will, rastet er aus und will sie und ihre Tochter bestrafen. Aber hat er es auch tatsächlich getan?

Als Bärbel Hummel, Aushilfsbedienung in einer Pizzeria, ihre Schäferhündin Nancy im Heimberg-Wald begraben will stolpert sie buchstäblich über die Leiche eines unbekannten kleinen Mädchens. Kriminalhauptkommissarin Corinna „Corry“ Voss und ihre Kollegen wundern sich, dass niemand das Kind als vermisst gemeldet hat. Es dauert eine Weile, bis die Tote als Merle Wiechmann identifiziert wird und es sich herausstellt, dass aufgrund eines tragischen Missverständnisses beide Elternteile für ein paar Tage geschäftlich verreist waren und jeder davon ausging, der andere würde die Tochter aus der Kita abholen und sich in der Zeit um sie kümmern.

Wie kam das Mädchen in den Wald?


Aber wenn die Eltern nicht in der Stadt waren, wer hat dann das Kind abgeholt? Wie kam es in den Wald und woran ist es gestorben? Es war ein exotisches Gift, findet die Rechtsmedizin schließlich heraus, und Merle hatte einen langen und schweren Todeskampf. Wer tut einem kleinen Kind so etwas an? Und warum?

Wenn man wüsste, wer Zugang zu diesem Gift hatte, könnte man den Kreis der Verdächtigen einengen. Eine Spur führt in die Wilhelma – den Stuttgarter Zoo – und zu einem recht bunten Haufen von Tierpflegern. Aber auch die neue Lebensgefährtin von Merles Vater, eine Reiseleiterin, hätte sich diese Substanz im Ausland besorgen können. War ihr das Kind ihres Partners im Weg? Wie sie und der Kindsvater mit Merle umgegangen sind, spricht nicht gerade von großer Liebe.

Und was ist mit Mark Bohn, den wir Leserinnen und Leser als Hauptverdächtigen auf dem Schirm haben? Für die Polizei ist er lange Zeit nur eine Randfigur, ein übereifriger junger Mann mit Helfersyndrom, der als anstrengend aber harmlos beschrieben wird. Erst als er einen Befragungstermin nach dem anderen platzen lässt, werden Corry und ihre Kollegen hellhörig. Doch da hat Bohn die Stadt längst verlassen. Zum hochdramatischen Showdown kommt es schließlich in einem Keller in Barcelona …

Der Fall geht den Polizisten an die Substanz


Die aufreibende Ermittlungsarbeit der Polizei steht hier im Mittelpunkt. Bei der Mordkommission hat man keinen „9 to 5“-Job. Die irren Arbeitszeiten und das, was die Polizisten im Dienst alles mit ansehen müssen, hat natürlich auch Auswirkungen auf ihr Privatleben. Corry zum Beispiel hat gar keines. Ihr Lebenspartner hat sich vom Acker gemacht und sie kommt oft nicht einmal dazu, Lebensmittel einzukaufen. Als ein Zeuge erzählt, dass seine Frau gerade in die Stadt gegangen sei, „Sie wissen schon: die Samstagseinkäufe, die Königstraße rauf und runter und dann in die Markthalle, ein Sektchen mit der Freundin …“ (Seite 410), kommt Corry sich vor wie von einem anderen Planeten. Für so etwas hat sie keine Zeit. Sie hat nicht einmal Freunde.

Kollege Fabio Lavelli vernachlässigt durch seinen Beruf seinen Lebensgefährten Sebastian, den er verdächtigt, sich deswegen anderweitig zu orientieren. Auch um seinen Vater Salvatore sollte er sich mehr kümmern. Der ist erst vor kurzem nach Stuttgart gezogen kennt hier noch niemanden. Das ändert sich allerdings schnell, als er der Zeugin Bärbel Hummel begegnet.

In vielen Romanen nervt der „Privatkram“ der Ermittler und lenkt vom Fall ab. Hier nicht. Hier folgt man den Beamten quasi auf Schritt und Tritt. Da werden wir nicht nur Zeuge ihrer Ermittlungsfortschritte und Rückschläge, sondern auch ihrer privaten Sorgen und Nöte. Durch die Augen der Ermittler sehen wir auch, was der Mordfall für die Hinterbliebenen bedeutet. All das ist manchmal schwer auszuhalten, genauso wie Mark Bohns verquere Gedankengänge und seine entsetzlichen Kindheitserinnerungen.

Schreckliche Schicksale


Die Autorin will nichts entschuldigen und niemanden von der Verantwortung für seine Taten freisprechen. Aber sie macht uns deutlich, was die Menschen umtreibt und wie sie zu dem geworden sind, was sie heute sind. Das gilt für die Verdächtigen, die Polizeibeamten und für die Menschen aus dem persönlichen Umfeld des Opfers. Eine tragische Figur ist zum Beispiel das „Engelchen“, eine alte Dame, die öfter auf Merle aufgepasst hat. Jetzt, wo das Kind weg ist, hat sie gar keine Freude mehr im Leben. Es gibt hier sehr viele schreckliche Schicksale. Nur das bisher armselige Leben von Bärbel Hummel scheint sich durch ihre Verwicklung in den Mordfall endlich zum Positiven zu wenden. Ein bisschen was muss einem in einer so düsteren Geschichte ja Hoffnung geben!

Der Thriller kommt, wie gesagt, ein bisschen schwer in die Gänge. Da möchte man als ungeduldiger Leser am liebsten vorspulen. Aber dann lässt sie einen nicht mehr los. Am Schluss glaubt man, die Beteiligten so gut zu kennen wie langjährige Bekannte.

Man muss sich nicht in Stuttgart auskennen, um dem Plot folgen zu können. Es schwätzt auch niemand schwäbisch … nur einer der Tierpfleger darf mal zwei, drei mundartliche Vokabeln benutzen. Die Geschichte spielt in Stuttgart, weil die Autorin sich da auskennt. Sie würde aber in jeder anderen Stadt, in der es einen Zoo gibt, ebenso gut funktionieren.

Anita Konstandin ist mir als Autorin von Kurzgeschichten schon lange ein Begriff. Da hat es mich natürlich interessiert, ihren ersten Roman zu lesen. Nicht jeder, der Kurzkrimis schreiben kann, hat auch den langen Atem für ein einen ganzen Roman. Anita Konstandin hat ihn. Und ja: Das Lesen lohnt sich!

Die Autorin
Anita Konstandin, 1956 in Stuttgart- Bad Cannstatt geboren, arbeitete als angestellte, später als freiberufliche Werbetexterin. Schreiben ist ihre Leidenschaft, und so verfasste sie Kurzgeschichten für Literaturwettbewerbe und Krimi-Anthologien. »Morgen früh, wenn Gott will« ist ihr erster Roman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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