Anja Jonuleit: Das Nachtfräuleinspiel. Roman

Anja Jonuleit: Das Nachtfräuleinspiel. Roman, München 2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26199-9, Klappenbroschur, 492 Seiten, Format: 13,5 x 4 x 20,8 cm, Buch: EUR 15,90 (D), EUR 16,40 (A), Kindle Edition: EUR 13,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abbildung: (c) dtv Verlagsgesellschaft

„Ich habe es geschafft, dachte sie, immer wieder diesen einen Satz. Die Verwandlung ist vollzogen, aus der unsicheren Provinzkindergärtnerin, die den Mund nicht aufkriegt, ist eine eloquente Akademikerin geworden.“ (Seite 378)

Anja Jonuleits Kriminalromane waren so ganz mein Ding. Aber das hier ist wirklich eine wunderbar böse und spannende Geschichte – und einen mysteriösen Todesfall gibt’s auch.

Es geht um Liane van der Berg, 69, eine erfolgreiche Erziehungs-Expertin mit eigener Praxis, einer TV-Sendung, einer Anzahl Sachbuch-Bestseller und einem umfangreichen Vortragsprogramm. Eine mustergültige Familie hat sie obendrein: Mit ihrem Mann, dem Oberarzt Dr. Carl Winterling, hat sie fünf wohlgeratene Kinder und dazu noch eine Pflegetochter: Seit einiger Zeit wohnt die 17-jährige Abiturientin Annamaria De Luca bei ihnen, eine Waise, die von ihrem Deutschlehrer ein Kind hat.

Liane wird wie eine Heilige verehrt


Von ihren Fans wird Liane van der Berg wie eine Heilige verehrt – dabei hat sie in ihrem Leben noch nie etwas Uneigennütziges getan. Pflegetochter Annamaria, zum Beispiel, weiß genau, dass sie nur so lange auf dem Hellsternhof bleiben darf, wie sie den Haushalt schmeißt, die Kinder versorgt und dabei Lianes strenge Regeln bezüglich Erziehung und Ernährung genauestens befolgt. Schon das Backen mit Zucker ist Grund für einen sofortigen Rausschmiss.

Ach ja: Und die Aufmerksamkeit des Hausherrn sollte Annamaria besser auch nicht auf sich ziehen. Der v*gelt nämlich alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Anfangs ist Annamaria voller Ehrfurcht und Bewunderung für ihre Pflegemutter/Chefin. Die hat nicht nur in Haushalt und Familie die Zügel fest in der Hand – der Gatte kümmert sich um nichts -, sie arbeitet auch wie eine Besessene und engagiert sich zudem unermüdlich für die Waldorfschule ihrer Kinder. Dieses Arbeitspensum müsste sie eigentlich umhauen, aber sie lächelt den Stress huldvoll weg.

Die Erziehungs-Expertin hat zwei Gesichter


Es dauert eine Weile, bis die naive Pflegetochter/Hausangestellte Sein und Schein auseinanderhalten kann und begreift, dass ihre Herrschaften zwei Gesichter haben: ein öffentliches und ein privates. Die private Liane ist ein egozentrisches, verlogenes und manipulatives Biest, das es vortrefflich versteht, Empathie vorzutäuschen. Davon hat sie nämlich nichts. Alles nur Fassade.

Anja Jonuleit erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen. Von den 1960er Jahren an verfolgen wir das Leben von Liane van der Berg, Jahrgang 1948, für die der Beruf der Erzieherin nie Berufung war sondern nur der Weg des geringsten Widerstands. Von Lühe in Niedersachsen verschlägt es sie nach München, wo sie den attraktiven Medizinstudenten Carl Winterling kennenlernt. Den muss sie haben, auch wenn er anderweitig liiert ist und die Treue nicht gerade erfunden hat.

Den wortgewandten Studierenden in Carls Kommune fühlt sich die Kindergärtnerin mit Mittlerer Reife zunächst unterlegen, aber nur so lange, bis sie die anderen durchschaut. Alles nur Schwätzer! Carls Freundin ist bald Geschichte. Dafür sorgt Liane mit einer Aktion, vor der J.R. Ewing aus DALLAS anerkennend seinen Cowboyhut gezogen hätte. 😉 Auch mit der Kommune ist es bald vorbei. Und mit dem Leben auf dem Bauernhof der Schwiegermutter sowieso. Auch das hat sie elegant eingefädelt.

In den Tagebüchern steht die Wahrheit


Es dauert ein paar Jahre, aber dann hat die ehrgeizige Liane alles, was sie wollte: einen akademischen Abschluss, eine eigene Praxis, eine große Vorzeigefamilie, ein repräsentatives Anwesen in der Nähe von Reutlingen – und auf ihrem Fachgebiet einen Ruf wie Donnerhall. Nur ihre Tagebücher sollte tunlichst keiner lesen, denn da findet ganz ungeschönt die wahre Liane statt.

Die zweite Zeitebene sind die späten 1980er-Jahre. Nachdem Annamaria De Lucas Vater spurlos verschwunden, die Mutter verstorben ist und sich die Pflegemutter aus dem Staub gemacht hat, ist das minderjährige Mädchen auf sich selbst gestellt. Der Vater ihres Kindes drückt sich vor seiner Verantwortung. Sie versucht, alleine klarzukommen, was scheitern muss.

Zu allem Übel wird Annamaria an der Fasnet von einem maskierten Hästräger vergewaltigt. Sie glaubt, den Freund einer Schulkameradin erkannt zu haben, aber weil sie so spät erst zur Polizei geht und der Beschuldigte ein Alibi hat, glaubt ihr keiner. Wenigstens kann der Polizeibeamte arrangieren, dass sie in eine neue Pflegefamilie kommt. So landet sie bei Liane und Carl auf dem Hellsternhof.

Wer will sich an Liane rächen?


Die dritte Zeitebene beschränkt sich auf wenige Tage im April 2017. Liane van der Berg hat als FAMILIENRETTERIN Kultstatus erreicht. Die Jubiläumssendung ihrer TV-Serie soll der ganz große Knaller werden. Doch da holen sie auf einmal alle ihre Schandtaten aus der Vergangenheit ein. Es muss ein alter Weggefährte sein, der anonyme Briefe mit zutreffenden Anschuldigungen an Lianes persönliches Umfeld verschickt und durch diverse einfallsreiche Aktionen ihren Ruf zu ruinieren versucht. Und derjenige muss Zugang zu ihrem Haus haben.

Der Leser schaut fassungslos zu, wie eine üble Geschichte nach der anderen ans Licht gezerrt wird, und die Zahl derer, die aus guten Gründen Liane gern am Boden sähen, stetig wächst. Keine Frage: Bei dieser Frau klaffen Selbstbild und Fremdbild weit auseinander!

Mit einer gewissen Schadenfreude sieht man, wie dieser Unbekannte aus sicherer Deckung heraus Lianes Leben in Trümmer haut. Ja, dieses scheinheilige Luder hat wirklich jeden einzelnen Schlag redlich verdient!

Carl war ihr Untergang


In den Sechzigerjahren hätte es vielleicht noch Hoffnung für sie gegeben: Als sie zum Beispiel den strengen Drill in den städtischen Kindergärten abgelehnt und zum Wohl der Kinder zu unterlaufen versucht hat. Da hatte sie noch Herz. Oder später in München, als sie von den Zuständen im Kinderladen entsetzt war und versucht hat, der gemobbten Biggi zu helfen. Ihr Unglück war vermutlich, dass sie Carl Winterling begegnet ist. Sie haben beide narzisstische Züge und das Schlechteste im jeweils anderen zum Vorschein gebracht. Und unschuldige, wehrlose Menschen mussten darunter leiden.

Dass sie ihre Kinder und Patienten mit umstrittenen Behandlungsmethoden terrorisiert hat, zeigt, dass sie unterwegs jegliches Mitgefühl verloren hat. Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als ich in späten 1980er-Jahren erstmals von der „Therapie“ gehört habe, die Liane bevorzugt. Ich hab‘ keine Kinder, aber ich war mal eines. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass DAS einem Menschen gut tun kann. Gut, Erziehungsmethoden sind quasi-religiöse Ansichtssachen – das sehen wir sehr schön im Buch -, aber es gibt Grenzen, die der gesunde Menschenverstand setzen sollte. Liane van der Berg ist das egal. Ab einem bestimmten Zeitpunkt geht es nur noch um ihre Außenwirkung.

Wer sich an Liane rächt, ist fast schon Nebensache. Hauptsache, dass!

Nomen est omen


Vielleicht ist das jetzt eine Überinterpretation, aber der Name „Liane“ ist für die Protagonistin trefflich gewählt: Eine Liane ist eine Schlingpflanze, die sich um andere Lebewesen windet und ihnen so Licht, Luft und Nährstoffe nimmt und sie an einem gesunden Wachstum hindert. Und das passt!

Dass sie im Lauf der Jahre immer mehr abhebt, wird auch an den Namen ihrer Kinder deutlich. Die ersten drei heißen noch ganz bodenständig Matthias, Gesine und Lieselotte. Ruben war damals für ländliche Regionen im Schwäbischen schon ein bissle überkandidelt. Und beim jüngsten Kind ist sie völlig ausgetickt: Das Mädle heißt Hortensie! Damit wird man auf dem Dorf zum Mobbingopfer!

Das allein wäre für die Tochter schon Grund genug für einen Rachefeldzug. Aber war sie’s …?

Die Autorin
Anja Jonuleit, in Bonn geboren, wuchs am Bodensee auf und ging dann einige Jahre ins Ausland. Sie studierte Italienisch und Englisch am Sprachen- und Dolmetscherinstitut in München, arbeitete als Übersetzerin und Dolmetscherin, bis sie mit Mitte dreißig das Schreiben entdeckte. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Friedrichshafen.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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