Paul Bedel, Catherine École-Boivin: Meine Kühe sind hübsch, weil sie Blumen fressen

Paul Bedel, Catherine École-Boivin: Meine Kühe sind hübsch, weil sie Blumen fressen. Vom Reichtum des einfachen Lebens, OT: Testament d’un paysan en voie de disparition, Deutsch von Elisabeth Liebl, München 2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3-423-34943-7, Softcover, 237 Seiten mit s/w-Illustrationen (Vignetten) von Isabella Roth, Format: 12,1 x 2,2 x 19,2 cm, Buch: EUR 10,90 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abbildung: (c) dtv Verlagsgesellschaft

„Doch am Ende bin nicht ich es, um den es hier geht. Was zählt, sind wir alle hier, bodenständige Leute. Ich lege Zeugnis ab, um von unseren Werten zu reden, unserem Glauben, unserer Arbeit. Wir alle, die wir die Erde lieben, sind vielleicht bald nicht mehr da.“ (Seite 157)

Paul Bedel, Jahrgang 1930, war ein einfacher Mann. Ein Bauer aus der Normandie, der nicht viel Schulbildung genossen hat. Von „Genuss“ kann in diesem Zusammenhang sowieso keine Rede sein. Paul hat den Unterricht stets als Zeitverschwendung angesehen, als etwas, das ihn davon abgehalten hat, in der Natur zu sein. Vom Lehrer hat er, seiner Meinung nach, nichts Brauchbares gelernt: „Alles, was ich weiß, habe ich selbst entdeckt oder von meinen Vorfahren vermittelt bekommen, auch wenn sie schon lange tot sind.“ (Seite 221)

Eine TV-Doku macht den Bauern zum Star


Dass er zeitlebens langsam im Schreiben war, hat ihn nie daran gehindert, zu lesen und sich über Gott und die Welt Gedanken zu machen. Er hat nur lange Zeit nicht geglaubt, dass das, was er denkt, irgendjemanden interessiert. Bis im Jahr 2004 ein TV-Team einen Dokumentarfilm über sein Leben gedreht hat. Plötzlich ist der alte Landwirt ein Star. Besucher kommen auf seinen Hof und stören seinen Tagesablauf. LandwirtschaftsschülerInnen erbitten seinen Rat. Auf einmal ist seine Arbeitsweise nicht mehr umständlich und altmodisch sondern „Bio“.

Paul wird zu Veranstaltungen eingeladen. Erstmals kommt er aus seiner dörflichen Umgebung heraus. Jetzt erst erkennt er, wie schön seine Heimat ist. Er hat, wie er treuherzig bekennt, vorher nie Vergleichsmöglichkeiten gehabt. Er ist ja nicht gereist.

Die viele Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, ist für die Bedels eine Zeit lang unterhaltsam. Sein Wissen über das Wetter, das Meer und die Landwirtschaft gibt er gerne weiter. Die „moderne“ Landwirtschaft ruiniere seiner Ansicht nach durch zu viele künstliche Substanzen die Natur. Eine Rückkehr zu den traditionellen, natürlichen Methoden wäre für Boden, Pflanzen, Tier und Mensch gesünder.

Zurück zur Natur. Aber bitte mit Motor!


Gegen Maschinen hat Paul nichts einzuwenden, die sind ihm bei seiner Arbeit von Nutzen. Sein Moped und sein uralter Traktor sind ihm wichtig. Mit einem Augenzwinkern sagt er irgendwann, er würde dereinst gerne mit seinem Traktor begraben werden, dann könnten sie ihre letzte Reise gemeinsam antreten.

Das Gerät, das er zum Rübensäen konstruiert und gebaut hat und im Buch so anschaulich beschreibt, hätte ich gerne einmal gesehen!

Das vorliegende Buch ist eine Folge des Rummels um die Fernseh-Dokumentation. Die Historikerin und Biographin Catherine École-Boivin hat Paul über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig besucht, sich zu ihm an den Küchentisch gesetzt, ihm zugehört und die Gespräche aufgezeichnet. In kurzen Kapiteln, die meist nur vier oder fünf Seiten umfassen, spricht er von seiner Kindheit, vom Krieg und von einer verlorenen Liebe. Geheiratet hat er nie. Nach dem Tod der Eltern hat er, gemeinsam mit zwei ebenfalls unverheiratet gebliebenen Schwestern, den Hof übernommen.

Warum Paul lieber altmodisch bleibt


Paul erzählt vom Fischen und Jagen, vom Hummerfang, von seinen Tieren und von der Bewirtschaftung der Felder. Und er bekennt freimütig, altmodisch zu sein und jede Neuerung erst einmal mit Skepsis zu betrachten. Das hat seine Lebenserfahrung ihn gelehrt. Stets hat er zum Beispiel vom geernteten Weizen zwei Säcke voll als Saatgut beiseite getan. Nur einmal wollte er fortschrittlich sein und hat das Saatgut gekauft. Ein Reinfall auf der ganzen Linie! „Das waren zwar keine genmanipulierten Sorten, aber trotzdem irgendein Mist, keinen Cent wert.“ (Seite 132) Jetzt ist seine alte Weizensorte, die seine Familie Jahrzehnte lang im Einsatz hatte, für immer verloren, und einen Ernteausfall hat er auch noch zu beklagen gehabt. Das kommt davon, wenn man die Traditionen verrät, meint Paul und bleibt lieber beim Althergebrachten.

Bestechende Logik, derber Humor


Paul Bedel redet nicht diplomatisch um die Fakten herum. Ob er über die Landwirtschaft spricht, über den Euro, über Frieden, Zeit, Freiheit oder den Tod: Er sagt, was er denkt. Seine Erkenntnisse sind meist von bestechender Logik, seine Weisheiten einfach aber nicht einfältig und sein Humor ist eher von der handfesten Sorte, manchmal ein bisschen derb. Als er bei einer Lesung in der Stadt gefragt wird, ob er nicht seine Kühe vermisse, verneint er, deutet mit knitzem Lächeln aufs überwiegend weibliche Publikum und erklärt, er habe nur die Herde gewechselt.

Die Damen haben ihn zum Glück nicht gelyncht, sondern gelacht. Wenn sie die Fernseh-Doku und/oder das vorliegende Buch gekannt haben, dann werden sie gewusst haben, was der gute Paul manchmal so an Sprüchen raushaut.

MEINE KÜHE SIND HÜBSCH, WEIL SIE BLUMEN FRESSEN ist kein Roman mit Antagonist, Spannungsbogen etc. Es sind die Gedanken eines Menschen, der zum Leben und Glücklichsein nicht viel braucht. Oder, wie Paul vermutlich gesagt hätte: Die Erkenntnisse, Erfahrungen und Erinnerungen eines alten Fossils, das sich seinem Ablaufdatum nähert. 😉 Nicht meine Worte. Seine! So bringt er die Sachen eben auf den Punkt.

Zeitzeuge einer untergegangenen Welt


Ich habe das Buch in der Bahn gelesen und manchmal vor mich hingekichert über Pauls Beobachtungen und unverblümte Meinungsäußerungen. Mehrfach wurde ich deshalb auf meine Lektüre angesprochen. Ich gebe immer gerne Auskunft über das, was ich lese, ob das im Internet ist oder im Zug. Wenn jemand Interesse hat an ungeschminkten Zeitzeugenberichten aus einer untergegangenen Welt, dem kann ich Paul Bedels Betrachtungen empfehlen.

Die Autoren:
Paul Bedel (1930 – 2018) lebte auf der Halbinsel Cotentin in der Nähe von La Hague. Nach der Ausstrahlung eines Dokumentarfilms über ihn ist er in Frankreich berühmt geworden. Häufig hielt er Vorträge, und jedes Jahr besuchten ihn Hunderte von Menschen, die er in sein bescheidenes Haus einlud.

Catherine École-Boivin ist Historikerin und Biografin und lebt in Nantes.

Kleine Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm „Paul dans sa vie“, mit dem Paul Bedel in Frankreich bekannt geworden ist:

Den gesamten Film gibt’s auch im Netz. Ist halt alles auf Französisch: https://vimeo.com/223423223

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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