Gina Mayer: Internat der bösen Tiere. Die Schamanin (Band 5), ab 10. J.

Gina Mayer: Internat der bösen Tiere. Die Schamanin (Band 5), ab 10. J., Ravensburg 2022, Ravensburger Verlag, ISBN 978-3-473-40870-92, Hardcover mit Gucklochstanzung, 274 Seiten, mit s/w-Zeichnungen von Clara Vath, Format: ‎15,3 x 3 x 21,5 cm, Buch: EUR 15,99 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch und Multimedia-CD erhältlich.

Abb.: (c) Ravensburger Verlag

„Noels Gedanken wanderten zurück in sein früheres Leben, bevor er zu den Inseln der bösen Tiere aufgebrochen war. Was seine ehemaligen Klassenkameraden wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass Noel jetzt tauchen, kämpfen, klettern und fliegen lernte und einen Pavian und einen Leoparden zu seinen besten Freunden zählte? Noel verschränkte die Hände im Nacken und grinste.“ (Seite 59)

Seit acht Monaten ist Teenager Noel jetzt schon auf den geheimen Inseln im Internat der bösen Tiere – der Schule, die vor Jahren von seiner mittlerweile verschollenen Mutter Sonya gegründet wurde. Hier lernen „Auserwählte“, die per Telepathie kommunizieren können, miteinander und voneinander. Dabei ist es egal, ob die Schüler Menschen oder Tiere sind. Hier fühlt Noel sich erstmals zuhause und nicht wie ein Außenseiter, denn hier sind alle so schräg wie er. :-;

Fliegen lernen!

Die Mehrzahl seiner tierischen Mitschüler:innen kann weder lesen noch schreiben, doch an dieser Schule sind andere Dinge wichtig als die klassischen Unterrichtsfächer. Nachdem Noel nun schon Klettern und Tauchen gelernt hat, kommt in diesem Band das Fliegen an die Reihe. Natürlich nicht mit einem Flugzeug, sondern mit einem „Wingsuit“, einem Gleitflieger-Anzug, der den Membranen der Gleitbeutler abgeguckt ist. Schon das Anmessen dieser Anzüge ist … äh … Geschmacksache.

Noel ist zunächst skeptisch. Freundin Katokwe, die Späherin, erweist sich beim Fliegen als Naturtalent und Kumpel Taiyo ist eher mittelbegabt. Ich habe übrigens volles Verständnis für Pavian Tyson, der irgendwann die Faxen dicke hat, sich aus dem Fluganzug schält und nach Hause geht. „Affen sind keine Vögel“, verkündet er. Das sind die anderen Flugschüler allerdings auch nicht.  

Der Ruf der Schamanin

Einer von ihnen verunglückt dann auch spektakulär – und Noel plagt das schlechte Gewissen. Er hat nämlich einen Traum ignoriert, in dem eine Schamanin in Wolfsgestalt von ihm verlangt hat, sofort mitzukommen, weil andernfalls etwas Schlimmes passieren würde. Er hat es nicht ernst genommen. Hätte eigentlich er zur Strafe abstürzen sollen? Hat es die Mitschülerin nur aus Versehen erwischt? Ist er jetzt schuld an dem Unglück?

Als der Traum sich wiederholt, will er nichts riskieren und leistet dem Befehl Folge. Er packt ein paar Sachen und verlässt heimlich und unerlaubt die Schule. Die gehörlose Kapitänin Gurd, die wir schon aus Band 3 kennen, bringt ihn von der Insel weg. Auch sie ist dem Ruf der Schamanin gefolgt.

Wiedersehen in Sibirien

In Sibirien endet schließlich seine höchst abenteuerliche Reise und er steht der Person gegenüber, die er schon sein Leben lang sucht: seiner Mutter Sonya. Doch diese Begegnung verläuft ganz anders, als er es sich immer ausgemalt hat. Sonya ist sehr distanziert und will ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Tut sie das, weil sie fürchtet, ihr alter Feind, der Bär Uko, könnte ihm etwas antun? Oder ist ihr Noel einfach lästig, weil sie mit Menschen generell nicht viel am Hut hat und die Gesellschaft von Tieren vorzieht? 

Die drei auserwählten Milane, die Sonya zur Hand gehen, kennen noch einen anderen Grund. Und so hat Noel noch etwas Wichtiges und sehr Gefährliches zu erledigen, ehe er sich Gedanken darüber machen kann, wie er wieder zurück ins Internat kommt.

Dort werden sie nicht gut auf ihn zu sprechen sein, weil er wieder einmal abgehauen ist. Dafür wird man normalerweise der Schule verwiesen. Doch Noel genießt gewisse Privilegien, weil er der Sohn der Schulgründerin ist – und weil alle wissen, dass er wegen etwas, das sich lange vor seiner Geburt ereignet hat, auf Ukos Todesliste steht.

Straft die Schamanin Unschuldige?

Dass der Bär Menschen verabscheut und sie am liebsten ausrotten würde, kann man aufgrund seiner Vorgeschichte verstehen. Noel kann zwar nichts für die alten Geschichten, muss aber immer wieder erleben, dass er in Gefahr gerät und auch Unbeteiligte seinetwegen leiden müssen – so wie jetzt seine Schulkameradin. Aber hätte Sarantuja, die weiße Schamanin, wirklich eine Unschuldige für seinen Ungehorsam bestraft? Nachdem er sie kennengelernt hat, hat er Zweifel an dieser Theorie. Sarantuja hat ihm schon einmal zum Vorwurf gemacht: „Du siehst die ganze Zeit nur dich selbst. […] Dadurch erkennst du die wahren Zusammenhänge nicht. Du musst deine Blickrichtung ändern.“ (Seite 171) 

Bis Noel weiß, wer Freund und wer Feind und wer wofür verantwortlich ist, dauert es noch ein Weilchen …

Die Geschichte ist so spannend, einfallsreich und außergewöhnlich wie die vorigen Bände auch. Manche Unterrichtsszenen und Kommentare sind zum Schmunzeln. Ein bisschen Humor muss nämlich auch in einer ernsthaften Geschichte sein.

Jetzt haben wir also endlich Sonya getroffen und sind mindestens so ernüchtert wie der junge Held. Das wird sicher keine Mutter-Sohn-Beziehung nach dem Muster „und sie lebten glücklich und zufrieden …“. Aber das hätten wir uns ja denken können! Den Mann wegschicken, das Baby weggeben und sich nie wieder melden, dazu gehört schon eine gewisse Härte. Sonya hat eben ihre Prioritäten.

Der große Showdown

Auch Uko haben wir wiedergesehen. Und jetzt scheint sich alles auf den großen Showdown zuzubewegen, allerdings frühestens im nächsten Band. Ich möchte eigentlich keinen Kampf, den nicht alle Beteiligten überleben. Deswegen hoffe ich immer noch, dass der Bär von seinen radikalen Ansichten abrückt, weil ihn irgendwas davon überzeugt, dass nicht alle Menschen schlecht sind. Aber Fanatiker ändern ihre Meinung normalerweise nicht, da sie für Argumente und differenzierte Betrachtungen nicht zugänglich sind. Also schaut’s schlecht aus für den Bären, der ja auch nur ein Opfer der Umstände ist.

Lassen wir uns einfach überraschen, was die Autorin sich für Noel, Sonya, Uko und die Bewohner:innen der geheimen Inseln noch alles einfallen lässt.

Die Autorin

Gina Mayer, geb. 1965, studierte Grafik-Design und arbeitete danach als freie Werbetexterin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit 2006 hat sie eine Vielzahl an Romanen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Ihre Werke standen auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Gina Mayer lebt mit ihrem Mann in Düsseldorf.

Die Illustratorin

Clara Vath arbeitet seit 2012 als freischaffende Illustratorin für diverse Verlage. Sie illustriert unter anderem Kinder- und Jugendbücher und schätzt daran vor allem die Vielfältigkeit und das Abtauchen in andere Welten. Ihr Illustrationsstil verbindet oft fantastische und mystische Elemente, die zum Träumen einladen und in Abenteuer entführen.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mai: EdithNebel@aol.com
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