Ursi Breidenbach, Heike Abidi: Geschwister sind wie Gummibärchen

Ursi Breidenbach, Heike Abidi: Geschwister sind wie Gummibärchen. Sie kleben zusammen, manchmal hat man sie über, aber wir lieben sie ein Leben lang, München 2022, Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-10836-8, Klappenbroschur, 345 Seiten, Format: 12,7 x 2,9 x 18,8 cm, Buch: EUR 11,00 (D), EUR 11,50 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Penguin Verlag

„Warum habt ihr „Geschwister sind wie Gummibärchen“ geschrieben?“
Ursi: „Ich habe zwei Schwestern und bin die Jüngste. Darüber hatte ich jede Menge zu erzählen. „
Heike: „Und ich fand es spannend, dass bei mir die Konstellation genau umgekehrt ist: Ich habe zwei jüngere Brüder. Gemeinsam konnten Ursi und ich das Thema von zwei gegensätzlichen Perspektiven angehen, und unsere Interviewpartner:innen haben noch jede Menge weitere Aspekte beigetragen.
“ (Aus einem Interview mit dem Verlag.)

Kann ein Sachbuch spannend sein? Dieses hier kann! Und es kann noch so vieles mehr: kompetent informieren, zum Beispiel, humorvoll unterhalten und einen zum Kopfschütteln und zum Lachen bringen. Ist es denn überhaupt ein Sachbuch? Vom Verlag wird es als „Geschenkbuch“ beworben. Ja, klar, verschenken kann man es natürlich auch! An seine Geschwister, zum Beispiel. Aber Selberlesen macht schlau! Und was mit fundierten Informationen um die Kurve kommt, wie amüsant aufbereitet auch immer, und einen ein bisschen klüger macht, geht meines Erachtens als Sachbuch durch.

Erlebnisse, Interviews, Sachbeiträge

Das Buch nähert sich dem Thema „Brüder und Schwestern“ aus unterschiedlichen Richtungen: Es präsentiert Erfahrungsberichte der beiden Autorinnen, Aussagen von Interview-Partner:innen zu verschiedenen Teilaspekten des Familienlebens, Sachbeiträge, in denen sich die Autorinnen mit Studien und anderen Experten-Veröffentlichungen auseinandersetzen, unterhaltsame Spielchen und Quizfragen sowie Beispiele aus der Popkultur.

Zuallererst wird mit dem Aberglauben aufgeräumt, die Position in der Geschwisterreihenfolge wirke sich entscheidend auf den Charakter eines Menschen aus. Es mag schon eine gewisse Rolle spielen, ob man die Älteste war, der man von klein auf viel Verantwortung für die jüngeren Brüder und Schwestern übertragen oder aufgebürdet hat oder ob man als verwöhnter Nachkömmling mit allem Unfug ungestraft durchkam. Aber es spielen noch so viele andere Faktoren mit, die einen fürs Leben prägen, dass man die Etiketten „Erstgeborene“, „Sandwichkind“ und „Nesthäkchen“ getrost umweltfreundlich entsorgen kann.

Haben Geschwisterkinder Grund, Einzelkinder zu beneiden? Oder ist es eher umgekehrt? Was heißt es, mit lauter Schwestern oder lauter Brüdern aufzuwachsen? Ist ein Brüder-Schwester-Mix vielleicht am besten, weil man dann schon als Kind ein bisschen was übers andere Geschlecht lernt? Welche Besonderheiten gibt’s bei Zwillingen? Fragen wie diesen gehen die Autorinnen nach. Auch Großfamilien und Patchworkfamilien werden näher beleuchtet. 

Streit, Eifersucht und Geheimnisse

Es geht um Streit und Eifersucht unter den Geschwistern, um große und kleine Geheimnisse, schwarze Schafe, Macken und schwierige Persönlichkeiten. Und, machen wir uns nix vor: Manche Geschwister sind auch regelrechte Ar***l*cher, mit denen einfach kein Auskommen ist, egal, wie man sich anstrengt. Die werden nur älter aber nicht verträglicher. Das muss man erst akzeptieren lernen.

Was ist, wenn es das Schicksal mit einem der Geschwister gar nicht gut meint? Wenn der Bruder oder die Schwester mit dem Leben nicht klar kommt, ständig Probleme hat, krank ist oder – G*tt behüte – stirbt? Das ist hart. Es ist ja schon schwierig, wenn ein Bruder oder eine Schwester ein:e Partner:in wählt, mit der/dem man so gar nicht klar kommt! Nicht alle „Unverträglichkeiten“ lösen sich mit der Zeit so in Wohngefallen auf wie bei dem Herrn, der seinen künftigen Schwager anfangs absolut grässlich fand: „Als er mir das erste Mal die Nutella wegfraß, hatte er schon versch*ssen.“ (Seite 284)  😀

Schmunzelgeschichten

Das ist eine der Schmunzelgeschichten, genau wie die vom Osterspaziergang, bei dem die großen Geschwister den Jüngsten bei Laune halten, in dem sie ihn kleine Schokoladen-Eier aufsammeln lassen, die er den Älteren dann zum Aufbewahren gibt, um die Hände frei zu haben. Sicher hat er geglaubt, während des Spaziergangs einen riesigen Schoko-Schatz zusammengetragen zu haben, aber … nein! (Bruder und Schwester waren jedoch nicht so fies, dem Kleinen alles wegzufuttern.) Diese Geschichte fand ich so süß!

Wahre Horrorstories

Es sind aber auch Berichte dabei, bei denen man ganz schön schlucken muss. Manche Interview-Partner:innen erzählen Geschichten zu verschiedenen Stadien ihres Geschwisterlebens. Anfangs hofft man noch, dass sich eine familiäre Situation irgendwie zurechtruckeln wird, aber mit der Zeit kriegt man mit, dass das leider nicht der Fall war. Das ist wie eine Ansammlung kleiner Fortsetzungs-Geschichten. Eine Familienserie in Buchform mit Drama, Cliffhangern und allem Drum und Dran. Nur ein Happy End ist nicht immer garantiert. Es geht hier eben doch ums wahre Leben.

Die arme Kerstin, die systematisch aus der Patchworkfamilie ausgeschlossen wurde, würde man am liebsten tröstend in den Arm nehmen. In dieser Familie ging’s ja beinahe so zu wie beim Märchen vom Aschenputtel! Das Kind aus der ersten Ehe des Manners zählte gar nichts und keinen hat’s interessiert. – Manchmal ist die einzige Möglichkeit, an dem häuslichen Affenzirkus nicht zu verzweifeln, die, sich von der Familie zu distanzieren. So wie Interview-Partnerin Doro es gemacht hat – auch wenn sie fünfzig Jahre gebraucht hat, um ihre toxische Schwester in die Wüste zu schicken. Besser spät als nie.

Alte Konflikte und Rivalitäten

Schrecklich auch, wie sich ein anderes Geschwisterpaar wegen eines unelegant formulierten Satzes so entzweit hat, dass sie einander ihr Leben lang nicht mehr wiedergesehen haben. Das klingt unfassbar, aber es ist beileibe kein Einzelfall. Sicher brodeln da im Untergrund noch alte Konflikte und Rivalitäten, aber es ist doch der Wahnsinn, dass kluge Erwachsene so etwas nicht vernünftig klären können! Es steckt schon sehr viel Irrationales in Geschwisterbeziehungen. Wahrscheinlich sieht man einander selbst mit 80 noch mit Kinderaugen und schafft es einfach nicht, die Beziehung auf eine Erwachsenen-Ebene zu bringen. 

Und möchte vielleicht mal jemand aus der Geschichte von Georg und Emma einen Roman machen? Das ist ein halber Krimi! Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit einen alten Schwarzweiß-Film vor Augen, wahrscheinlich, weil die Geschichte in der deutschen Nachkriegszeit spielt. Der Bruder begeht aus Liebe (oder Verblendung?) eine Straftat und landet im Knast. „Draußen“ hat er nur eine Vertraute: seine Schwester Emma …

Spannung, Spaß und Informationen

In diesem Buch ist alles drin: Spannung, Spaß und Informationen. Zu etlichen Beispielen fallen einem unweigerlich eigene Erlebnisse ein oder Szenen, die man im Freundes- oder Familienkreis mitbekommen hat. Manche Mechanismen versteht man nach der Lektüre dieses Buchs ein bisschen besser – was leider nicht automatisch heißt, dass man sich im Geschwister-Zwist-Ernstfall selbst rational verhalten würde. Man kann es nur hoffen.

Die Autorinnen

Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane und erzählende Sachbücher für Erwachsene sowie Geschichten für Jugendliche und Kinder. 


Ursi Breidenbach studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien und absolvierte eine postgraduale Ausbildung im Kulturmanagement. Nach Stationen im Ausstellungs- und Museumswesen in Österreich und Bayern sowie einer kunstjournalistischen Tätigkeit schreibt sie seit 2009 als freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in der Steiermark/Österreich. 

Rezensentin: Edith Nebel 
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

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