Kathrin Fischer: Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert, Berlin 2026, hanserblau, ISBN 978-3-446-28570-5, Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, Format: 13,3 x 2,2 x 21,1 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 16,99.

„Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt. Die individuell hilfreiche Praxis der Achtsamkeit hat eine übermäßige Ausweitung erfahren und ist zu einer politischen Anpassungsstrategie geworden. Damit überschreitet sie ihre Grenzen. Es wird Zeit, nicht länger ausschließlich das Selbst als veränderungsbedürftig zu betrachten, sondern die Welt als veränderbar.“
(Seite 15)
Bevor jemand Schnappatmung bekommt: Die Autorin möchte niemanden davon abhalten, sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, Yoga oder Qigong zu betreiben. Das macht sie selbst ja auch. Im privaten Rahmen kann Achtsamkeit das Leben bereichern. Sie kriegt jedoch Reißzähne, wenn das Thema in den politischen Raum überschwappt und zur Ideologie wird. Wenn also Politik oder Wirtschaft Entwicklungen anstoßen, die für uns Normalbürger das Leben ärmer, anstrengender und unsicherer machen. Und wenn die Verursacher auch noch die Stirn haben, uns das als unabänderliche Situation zu verkaufen, an die wir uns gefälligst anzupassen haben.
Strukturelle Probleme? Nee, das Problem hast nur du!
Nie wird jemand zugeben, dass etwas ein gesellschaftliches oder strukturelles Problem ist. Nein, das Problem hast nur du, und es ist allein deine Aufgabe als Individuum, es irgendwie zu bewältigen.
Beispiele? – Bitte sehr!
- Die Bahn wurde kaputtgespart, und nun heißt es allen Ernstes, du sollst Verspätungen und Wartezeiten als geschenkte Freizeit betrachten. Solche Artikel habe ich tatsächlich schon gelesen.
- Dein Team im Job wird auf halbe Mannschaftsstärke reduziert, die Arbeitsmenge bleibt gleich, und dir kommen sie mit Seminaren für Selbstorganisation und mit Yoga.
Zefix nochmal, wenn ich ein paar Stunden meine Ruhe haben will, dann setze ich mich zuhause aufs Sofa oder in den Garten – aber doch nicht in die Bahn! Und bei nicht zu bewältigender Arbeitsverdichtung brauchen wir kein Yoga, sondern einen Betriebsrat!
Wir sollen uns ändern und nicht die Situation?
Diese Art, die Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen, hat mich schon vor über 30 Jahren aufgeregt. Hilfreich wäre es, die Situation zu verändern, nicht das Selbst. Das Selbst war ja nicht das Problem, das hat bislang tadellos funktioniert. Aber Leute, die wegen Missständen wütend werden und sich gar organisieren, sind nicht gern gesehen. Die könnten ja eine Änderung herbeiführen! Wer den Status quo bewahren will, dem ist es natürlich lieber, wenn jeder für sich in seinem stillen Kämmerlein sitzt und an seiner persönlichen Einstellung arbeitet.
Wer trotzdem nicht klarkommt, hat eben nicht gut oder lange genug meditiert. Ein klassischer Fall von Schuldumkehr! Der „Gescheiterte“ schämt sich, bemüht sich weiter um Ruhe und Gelassenheit, und alles bleibt, wie es ist. Sehr bequem – nur nicht für dich und mich.
Zynische Achtsamkeitsprediger
Kann man diese Art von zynischen Achtsamkeitspredigern nicht sanft aber bestimmt gegen die Wand pressen und sagen: „So, das ist der Druck von außen. Und den atme jetzt bitte selig lächelnd weg!“? Das hätte ich damals, als ich die Zusammenhänge zu ahnen begann, am liebsten gemacht.
In den 90er-Jahren habe ich mich mit meiner Interpretation der Lage noch ziemlich allein gefühlt. Deshalb freut es mich, wenn nun laut und deutlich benannt wird, was Sache ist. Die Autorin stellt dazu noch ein paar wichtige Fragen: Wie konnte es so weit kommen? Warum machen wir da bereitwillig mit? Und wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus? – Nicht alles, was wir dazu lesen werden, wird uns gefallen, denn nicht nur Politiker und Unternehmer kriegen hier ihr Fett weg.
Warum machen wir da eigentlich mit?
Zunächst zur Frage warum wir seit den 1990er Jahren so „achtsamkeitshungrig“ geworden sind. Stark verkürzt: Weil das Leben seitdem immer stressiger, schneller, bedrohlicher und unsicherer wird. Unsere Wirtschaft lebt vom Wachstum, aber das ist nicht unendlich möglich. Die fetten Jahre sind vorbei, die Krisen häufen sich. In den 90ern kommt auch prompt das ideologische Achtsamkeits-Gedöns auf: „Veränderungen sind keine Option, also pass dich durch bessere Gefühle der Situation an!“
Und warum sagen wir nicht einfach „nein!“ dazu? – Na ja: Es ist schon bequem, sich in sein eigenes Inneres zurückzuziehen und sich nicht mit abstrakten Fragen der Wirtschaft und Politik herumschlagen zu müssen. Und wenn „wir“ wissen, wie man richtig denkt, empfindet und lebt, gibt das „uns“ auch ein Gefühl der moralischen Überlegenheit. Wir können uns überheblich von denen abgrenzen, die andere Prioritäten haben, was zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt. Wir zeigen mit dem Finger aufeinander, streiten über Nebensächlichkeiten, und die eigentlich wichtigen Themen bleiben ausgespart.
„So hinken wir seelisch und geistig den Sachverhalten hinterher und haben nicht begriffen, dass es vor allem der Sieg der wirtschaftlichen Kräfte über die soziale Demokratie ist, der unser Leben so anstrengend macht. Diese Einsicht fällt uns schwer, weil der Zwang, den diese Kräfte ausüben, unsichtbar ist und weil die neoliberale Kultur kollektive soziale Probleme zu individuellen psychischen macht.“
(Seite 127)
Die großen Hebel sind politisch
Wie gesagt: in der öffentlichen Sphäre ist Achtsamkeit nicht unbedingt die richtige Lösung – hier hilft nur bessere Politik. Ich-Besessenheit und obsessive Selbsterforschung bringen uns nicht weiter. Und was können wir tun, damit es besser wird? Patentlösungen hat die Autorin nicht, wohl aber ein paar Ideen und Vorschläge. Es ist schon mal ein guter Anfang, wenn uns klar ist, dass Achtsamkeit allein die Welt nicht retten wird und moralische Grabenkämpfe nur Energie kosten.
Die großen Hebel, die zu bewegen wären, sind politisch. Das heißt, wir müssten uns zusammentun und uns harten Interessenkonflikten stellen.
„Diese Kämpfe werden nicht auf dem Meditationskissen ausgetragen, ‚sondern auf der Straße, im Parlament und im öffentlichen Streit.‘“
(Seite 249)
Der Rückzug ins Private ist nur Egozentrik, die sich als Selbstfürsorge tarnt.
Interessante Aha-Erlebnisse
Das Buch hat mir interessante Aha-Erlebnisse beschert, auch wenn ich nicht immer die nötige Geduld aufbringe, mich durch -zig verschiedene Experten-Definitionen und deren Schwachstellen zu kämpfen. (Da macht es uns die Naturwissenschaft leichter: Es gilt X, bis wir neue Erkenntnisse haben.) Ich habe viel gelernt – und es ist eine schöne Bestätigung zu sehen, dass die eigene gefühlte Wahrheit so einen soliden Unterbau hat.
Die Autorin
Kathrin Fischer, geb. 1967, war 15 Jahre Redakteurin und Moderatorin beim Hessischen Rundfunk. Seit 2022 hostet sie den Podcast ‚Erschöpfung statt Gelassenheit – warum Achtsamkeit die falsche Antwort auf ziemlich jede Frage ist‘. Sie lebt mit ihrer Familie bei Flensburg.
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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