Birgit Ebbert: Falsches Zeugnis. Kriminalroman

Birgit Ebbert: Falsches Zeugnis, Meßkirch 2015, Gmeiner Verlag, ISBN: 978-3-8392-1696-5 Softcover, 280 Seiten, Format: 11,8 x 2,5 x 19,8 cm, Buch: EUR 11,99 (D), EUR 12,40 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Gmeiner Verlag
Abbildung: (c) Gmeiner Verlag

„Tante Katharinas Postkarten hatten Jahrzehnte auf dem Dachboden gelegen (…). Warum sollten nicht irgendwo in einem Koffer oder Keller unbekannte Briefe von Anne Frank liegen?“ (Seite 29)

Widerwillig verdient sich „Spocky“ das Geld für sein Studium der Kommunikationswissenschaften als Altenpflegehelfer. Es ist eben bequem, dass er in den Heimgebäude auch ein Zimmer hat. Von seinen Eltern kann der junge Mann keine Unterstützung erwarten. Sie sind gegen sein Studium. Friseur soll er werden und eines Tages das elterliche Geschäft übernehmen. Doch Spockys hat andere Pläne: ein Auslandssemester in den USA und irgendwann einen Job bei einem deutschen TV-Sender. Doch für einen USA-Aufenthalt bräuchte er deutlich mehr Geld als er im Altenheim verdienen kann.

Dass Marianne Goldmann, eine der alten Damen, die er betreut, andauernd von ihrem Tagebuch spricht, bringt ihn und seinen Kumpel „Knolle“ auf eine Idee: Wenn man sich gescheiter anstellen würde als weiland der Hitler-Tagebuchfälscher Konrad Kujau, könnte man sicher der Welt für viel Geld falsche Aufzeichnungen von Anne Frank andrehen, die da weitergehen, wo ihr berühmtes Tagebuch aufhört. Warum sollte sie in den letzten Monaten ihres Lebens keine Notizen mehr gemacht haben? Knolle hat viel über Anne Frank gelesen und ein Talent zum Schreiben hat er obendrein. Er wäre der perfekte Verfasser dieser Briefe!

Wenn’s ums schnelle Geld geht, hat Knolle keine Skrupel, und nach ein paar Faktenchecks präsentiert er eine Serie „Briefe an Kitty“, die wirklich so klingen wie das Original. Eine Person, die sie fürs Vermarkten einspannen können, haben sich die beiden Burschen auch schon ausgeguckt: Die Autorin Karina Bessling, die ein Buch über das Schicksal ihrer Großtante geschrieben hat, nachdem sie bei einer Haushaltsauflösung deren Aufzeichnungen aus den 1930er Jahren gefunden hatte (Birgit Ebbert: BRANDBÜCHER, ISBN 978-3-8392-1448-0).

Eine Mail an Frau Bessling ist schnell verschickt. Doch die beiden Studenten hätten die Aktion viel besser planen müssen. Die Frau ist keine leichtgläubige Tussi, wie sie vielleicht angenommen haben, sondern eine logisch denkende, gründlich vorgehende und detailversessene Bauingenieurin. So gründlich, wie sie in ihrem Beruf arbeitet, nimmt sie sich auch das anonyme Schreiben mit dem angeblichen Anne-Frank-Brief vor. Eine abgetippte Übersetzung genügt ihr nicht. Sie will wissen, wer ihr schreibt – und ehe sie sich zur Echtheit des Dokuments äußert, will sie ein Original sehen.

Ein Original! Ach du Schreck! Darauf sind Spocky und Knolle nicht vorbereitet! Dafür sind sie viel zu spontan und planlos vorgegangen. An Schreibmaterial aus den 1940er Jahren heranzukommen, erweist sich als nicht allzu schwierig. Die Briefe ins Niederländische zu übersetzen, ist auch nicht das Problem: Spocky ist zweisprachig aufgewachsen. Aber Anne Franks Handschrift können sie nicht imitieren. Da hat Knolle die rettende Idee: „Steno! Hier steht es: Anne Frank hat in ihrem Unterschlupf Steno gelernt. Da ist es denkbar, dass sie auf dem Weg ins Lager und später ins KZ ihre Aufzeichnungen in Kurzschrift gemacht hat!“ (Seite 41). Und wie ihre Kurzschrift aussah, das weiß kein Mensch.

Dummerweise können sie kein Steno. Damit kommt die Niederländerin Fleur Hendricks ins Boot, die Spockys Übersetzung von Knolles Texten stenographieren soll. Womit sie nicht rechnen: Fleur kommt die Sache komisch vor, sie redet mit Freunden über den mysteriösen Auftrag, auch mit einem Mitarbeiter der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam. Und so wird man dort hellhörig, als Karina Bessling mit Spockys Briefen vorstellig wird und um deren Überprüfung bittet.

Je mehr Leute von einem Geheimnis wissen, desto schwieriger wird es, dieses zu bewahren. Die Gaunerei der zwei Studenten läuft bald mächtig aus dem Ruder. Auf einmal ist einer der beiden tot. Und der andere versucht alles, um seine Spuren zu verwischen. Aber Sache mit den falschen Anne-Frank-Briefen hat schon viel zu große Kreise gezogen.

  • Fleur Hendricks weiß, dass die Briefe Fälschungen sind hat die Beweise dafür auf dem Rechner.
  • Liam van Barsten von der Anne-Frank-Stiftung ist ebenfalls überzeugt davon, es mit Fälschungen zu tun zu haben und würde den Urheber nur zu gerne in die Finger kriegen.
  • Karina Bessling und ihr Lebensgefährte, Pastor Martin Kleine, lassen sich ungern für kriminelle Machenschaften einspannen und haben mittlerweile einen konkreten Verdacht, wer hinter den anonymen Mailkontakten steckt.
  • Journalist Andreas Kortenhoff ist wegen einer ganz anderen Sache hinter ihm her.
  • Und Kriminalhauptkommissarin Petra Uphoff von der Mordkommission Münster hat den dringenden Verdacht, dass er seinen Kumpel umgebracht hat. Und möglicherweise nicht nur den.

Karina Bessling ahnt nicht, dass ihr anonymer Mailpartner mittlerweile mit dem Rücken zur Wand steht und wozu er fähig ist. Sie schafft es tatsächlich, ihn ausfindig zu machen und sagt ihm auf den Kopf zu, dass er seine Briefe ein Fake sind. Das ist definitiv keine gute Idee …

Dass hier jemand die ahnungslose Buchautorin für einen Betrug missbrauchen will, ist von Anfang an klar. Wer die Fälscher sind und in welcher Beziehung sie tatsächlich zu Karina Bessling stehen, kommt erst ans Licht, nachdem alle Beteiligten ihre Detektivarbeiten haben und ihre Erkenntnisse ausgetauscht haben. Dass Karina Bessling nur einen Bruchteil der Wahrheit kennt, macht die Sache für sie so gefährlich.

Die akribisch recherchierende Karina kennen wir aus Birgit Ebberts Roman BRANDBÜCHER. Wenn die zwei Jungs gedacht haben, diese Frau sei einfach hereinzulegen, waren sie schief gewickelt. Sie hätten sich besser eine andere Fürsprecherin gesucht. Oder, noch besser: sie wären gleich den legalen Weg gegangen. „Hätte [er] ein Buch darüber geschrieben, hätte er die Chance gehabt, einen Bestseller zu landen“, überlegte Karina. (Seite 273) Möglicherweise. Die gefälschten Briefe wirken überaus authentisch und sind sehr berührend. Als Fiktion verkauft, wären sie vielleicht der Hit geworden.

Krachende Action ist bei diesem Thema natürlich nicht zu erwarten. Hier geht es um die gute alte Detektivarbeit. Und wer gerne Rätsel löst oder recherchiert, würde sich am liebsten mit Karina und Martin an den Tisch setzen und die Briefe auf mögliche Fehler in durchflöhen. Vielleicht stolpert der eine oder andere Leser ja ganz von selbst über eine Unstimmigkeit. Ich habe nichts gemerkt, aber die Autorin gibt uns eine faire Chance.

FALSCHES ZEUGNIS ist knifflige Unterhaltung nicht nur für Freunde zeitgeschichtlicher Kriminalromane.

Die Autorin
Birgit Ebbert, geb. 1962 in Borken/Westfalen, studierte in Bonn und Münster Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie. 1993 promovierte sie über Erich Kästner. Nach Stationen in Stuttgart und Bochum lebt sie heute in Hagen und ist als selbstständige Unternehmerin und als freie Autorin tätig. Sie kann auf eine Vielzahl an Veröffentlichungen im Bereich Jugendbuch, Ratgeber und Lernhilfen zurückblicken.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

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