Ulrike Renk: Die Zeit der Kraniche. Roman. (Die Ostpreußen Saga, Band 3)

Ulrike Renk: Die Zeit der Kraniche. Roman. (Die Ostpreußen Saga, Band 3), Berlin 2018, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3356-5, Softcover, 515 Seiten, Format: 13,3 x 3,9 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,50 (A), Kindle Edition: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abbildung: (c) Aufbau-Verlag

Gut Burghof Mansfeld in der Prignitz, im Nordwesten von Brandenburg ab 1944: Baronin Frederike „Freddy“ zu Mansfeld, verwitwete von Stieglitz, geborene von Weidenfels war schon mehrmals im Leben ganz unten. Sie scheut sich nicht vor harter Arbeit, vor Neuanfängen und davor, wieder einmal auf sich selbst stellt zu sein. Wer Band 1 und 2 der Ostpreußen-Saga (DAS LIED DER STÖRCHE und DAS JAHR DER SCHWALBEN) kennt, weiß das.

Damit kein Leser mit der Autorin hadert, weil er dieser oder jener Romanfigur ein gerechteres Schicksal gewünscht hätte, weise ich darauf hin, dass der Roman auf dem Leben realer Personen beruht. Die Autorin hat die Geschichte nach sorgfältiger Recherche romanhaft aufbereitet. Im Nachwort ab Seite 503 kann man nachlesen, was sich tatsächlich ereignet hat und was Ulrike Renk aus dramaturgischen Gründen verändert oder hinzugefügt hat.

Basierend auf dem wahren Leben


Die dichterische Freiheit, die sie sich genommen hat, beschränkt sich auf das Nötigste. Gerade die Passagen, bei denen man denkt: ‚Das gibt’s doch nicht, so schlecht kann kein Mensch sein!’ oder: ‚So viel Pech/Glück kann niemand haben!’, hat das Leben geschrieben. Und das schert sich bekanntlich nicht um Fairness. Also sollte man es nicht der Autorin ankreiden, wenn die Gerechten hier viel leiden müssen und die Mistkerle ungestraft davonkommen. Allenfalls ist es Ulrike Renk und ihrer Erzählkunst „anzulasten“, dass wir gar nicht mehr auftauchen wollen aus Freddys Welt, so schlimm es dort auch zugehen mag, und dass wir darüber eine Zeit lang unsere eigene Realität vergessen. (Ich saß während des Lesens wieder mal im falschen Zug.)

Vieles, was uns aus der jüngeren deutschen Geschichte sehr wohl als Fakt bekannt ist, begreifen wir durch diese Saga auch auf emotionaler Ebene. So etwas geschieht, wenn sich die Vergangenheit nicht nur als Sammelsurium von drögen Zahlen und Politikernamen präsentiert, sondern das Gesicht ganz normaler Menschen bekommt, die durch mehr oder weniger eigene Schuld in den Strudel der Ereignisse geraten.

Gebhard zu Mansfeld, der Gutsherr vom Burghof und Frederikes zweiter Ehemann, ist einer von den Guten. Christliche Nächstenliebe ist für ihn nicht nur ein Lippenbekenntnis. Er ist stets bestrebt, seine „Leute“ und auch die Fremdarbeiter anständig zu behandeln, ob das nun Franzosen, Polen oder Russen sind. Tatsächlich tut er mehr für sie als ihm erlaubt ist. Das sehen überzeugte Nazis wie der Vorarbeiter Hittlopp mit Argwohn. Es geht auch nicht lange gut.

Denunziert und verhaftet


Gebhard und seine Mutter Heide werden wegen angeblich staatsfeindlicher Einstellung und des Verbreitens von Fremdnachrichten denunziert, verhaftet und ins Gefängnis nach Potsdam gebracht. Unter enormen Schwierigkeiten gelingt es Frederike, ihren Mann dort zu besuchen. Nach einigen demütigenden Begegnungen kann sie zumindest ihre Schwiegermutter wieder mit nach Hause nehmen. Ihr Mann bleibt in Haft.

Frederike stellt sich darauf ein, das Gut während der Zeit seiner Abwesenheit selbst leiten zu müssen. Das hat sie während der Krankheit und nach dem Tod ihres ersten Ehemanns schon einmal getan. Es wird hart, aber sie kann es. Doch es kommt schlimmer: Der Reichsnährstand setzt ihr ausgerechnet den brutalen Hardliner Hittlopp als Verwalter vor die Nase, der jetzt, wo er das Sagen hat, so richtig die Sau rauslässt.

Frederike und ihre Getreuen tun ihr Bestes, sein Terror-Regime zu unterlaufen, das Leben auf dem Gut in halbwegs geordneten Bahnen zu halten und alle die Menschen irgendwie zu versorgen, die es zu ihnen verschlägt. Also nicht nur Familie, Gesinde und Fremdarbeiter, sondern auch noch einquartierte Soldaten, ausgebombte Familien aus Berlin und Flüchtlinge, zu denen irgendwann auch Frederikes Familie aus Ostpreußen gehört.

Eine Zeit des Misstrauens


Daran, dass Deutschland den Krieg noch gewinnen könnte, glaubt niemand mehr. Es traut sich nur keiner, das laut auszusprechen. Man weiß ja nie, wer zuhört und das Gesagte gegen einen verwendet. Es ist eine Zeit des Misstrauens.

Auf Drängen von Frederikes Mutter Stefanie zieht die Familie schnell weiter in den Westen. War Stefanie sonst immer politisch verblendet, hat sie dieses Mal die Zeichen der Zeit vor den anderen erkannt. Wenn die Russen kommen, wird’s fürchterlich. Sie rät Frederike, mit den Kindern ebenfalls in den Westen zu flüchten, doch diese möchte ihren Mann nicht im Stich lassen. Gebhard will unbedingt auf dem Land seiner Vorfahren bleiben. Was, wenn er aus dem Gefängnis kommt und seine Familie verschwunden ist?

Im April 1945 kommt Gebhard zu Mansfeld tatsächlich nach Hause. Der Luftangriff auf Potsdam hat ihm die Flucht ermöglicht. Doch er ist von einer schweren Krankheit gezeichnet.

Es grenzt an ein Wunder, mit wie viel Mut, Energie und Einfallsreichtum sich die Menschen auf dem Gut selbst unter widrigsten Bedingungen durchs Leben wursteln. Und wie sie trotz zahlreicher Enttäuschungen immer wieder an das Gute im Menschen glauben.

Der Frieden trifft sie härter als der Krieg


Im Mai ist endlich der Krieg vorbei. Doch für die zu Mansfelds, wird’s jetzt erst richtig schlimm. War Gebhard den Nazis wegen seiner humanitären Gesinnung ein Dorn im Auge, ist er für die Russen aufgrund seines Adelsstands automatisch ein Nazi. Er wird schikaniert, enteignet und schließlich als Spion verhaftet. Als Vorwand genügt, dass er sich heimlich mit seinem Bruder Caspar, einer schillernden Figur im diplomatischen Dienst, getroffen hat.

Hätte Gebhard doch nur auf Caspar gehört und wäre in den Westen geflohen, solange es noch ging! Jetzt ist es zu spät für ihn. Auch Frederike zögert noch: Soll sie auf dem Gut bleiben und auf Gebhards Entlassung warten oder soll sie auch in den Westen gehen? Ihre gesamte Familie ist schon dort. Dramatische Ereignisse zwingen sie schließlich zu einer überstürzten Entscheidung …

Wieder einmal steht Frederike vor dem Nichts. Sie ist noch keine 40 und hat schon so viel erlebt und erlitten, dass es für mehrere Menschenleben reichen würde. Und der Wahnsinn ist noch nicht zu Ende. Ihr Mann sitzt immer noch in Bautzen ein, angeklagt für Verbrechen, die ein anderer begangen hat.

Enttäuscht von allen Systemen


Mehr schlecht als recht schlägt Frederike sich in der Nachkriegszeit allein mit ihren drei Kindern durch. „Ich bin so enttäuscht“, gesteht sie ihrer Schwägerin Thea, „enttäuscht von allen Systemen, von der Politik, von vielen Menschen. Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt. Du weißt, es macht mir nichts aus, zu arbeiten, aber ich glaube, ich möchte nicht in diesem Land leben. Nicht mehr – weder in West- und schon gar nicht in Ostdeutschland.“ (Seite 462/463) Man ahnt: Frederike wird abermals einen Neuanfang wagen. Und der Schluss des Romans lässt vermuten, dass das nicht der letzte war.

Ich weiß, dass die Saga mit diesem Band zu Ende ist. Die Autorin sagt es selbst. Doch es hätte mich schon interessiert, ob Frederike irgendwann mal in ihrem Leben zur Ruhe gekommen ist. Und wenn ja, wo – und mit wem. Wenn man so lange und intensiv am Leben eines Menschen Anteil genommen hat, und sei er auch „nur“ eine von der Realität inspirierte Romanfigur, dann lässt einen dessen Schicksal nicht so schnell los.

Um den Überblick über die Fülle des Romanpersonals zu behalten, ist das Personenverzeichnis im Buch sehr hilfreich. Wer die ersten beiden Bände gelesen hat, ist schnell wieder „zuhause“ auf Mansfeld, Fennhusen und Großwiesenthal. Quereinsteiger in die Reihe werden ein bisschen häufiger in diesem „Who is Who“ nachschlagen müssen.

Gibt’s eigentlich einen Grund dafür, dass hier beim Mädchennamen von Frederikes Mutter XXX steht? Beim Adel ist die Abstammung doch stets genauestens dokumentiert. Den Geburtsnamen des realen Vorbilds für Stefanie kann man im Internet finden. Na, egal. Für mich wird Stefanie sowieso immer nur Freddys dünkelhafte Mutter sein. Und mindestens so sehr wie Frederikes Nehmerqualitäten bewundere ich die Langmut ihres Stiefvaters Erik.

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.