Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel (…)

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft, München 2021, Droemer, ISBN 978-3-426-27822-2, Hardcover, 368 Seiten mit zahlreichen zweifarbigen Graphiken von Ivonne Schulze, Format: 14,4 x 3,4 x 21,7 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: 17,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) Droemer Verlag

„Ach, Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten könnten so konstruktiv sein, wenn man sich doch bloß auf Tatsachen als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könnte. Wir brauchen viel öfter eine kleineste gemeinsame Wirklichkeit.“ (Seite 314)

Ich kenne und schätze die Arbeit der Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim seit einigen Jahren. Also dachte ich, wenn uns jemand die aktuelle Faktenlage zu diversen strittigen Themen kompetent und unterhaltsam erklären kann, dann sie. In ihrer bewährten Art wird sie mit Irrtümern, Mythen und realitätsfernem Geschwurbel aufräumen und uns sagen, was man derzeit wirklich weiß. 

Wenn wir das Buch gelesen haben, können wir uns dann argumentativ gestärkt ins Getümmel stürzen und sachkundig und überzeugend die Themen erörtern, zu denen es in freier Wildbahn wenig Ahnung aber viel Meinung gibt. Das war meine Hoffnung. – Klappt das? Nun ja … man ist schon ein bisschen schlauer, wenn man mit dem Buch durch ist. 

Methode und Bewertung

Wir erfahren, dass man sich immer die Methode anschauen sollte, nach der die Daten einer Studie erhoben und ausgewertet wurde. Ist die Fragestellung schon schwammig und/oder sind subjektive Bewertungen im Spiel, kann nichts Objektives dabei herauskommen. Das ist z.B. das Problem bei der Schädlichkeitsbewertung unterschiedlicher Drogen nach N u t t  at al. Welche Kriterien soll man dafür heranziehen, welche vernachlässigen? Und wie, um Himmels Willen, quantifiziert man das? 


Wie geht man außerdem mit der Tatsache um, dass manche Drogen für den einzelnen Konsumenten extrem schädlich sind, gesamtgesellschaftlich aber nicht allzu viel anrichten, weil sie zum Glück nicht weit verbreitet sind? Mit den „Volksdrogen“ Alkohol & Tabak verhält sich das wiederum ganz anders. Damit sind Schädlichkeitsbewertungen nur von begrenzter Aussagekraft. Und darauf basiert dann die Drogenpolitik. Das ist sicher nicht optimal, aber derzeit gibt’s wohl nichts Besseres.

Reproduzierbarkeit und Signifikanz

Wir lernen, dass Studien reproduzierbar sein müssen. Das heißt, dass man zum selben Ergebnis kommen muss, wenn man sie wiederholt. Dazu müssten sie unter anderem standarisiert sein, denn wenn jeder ein bisschen was anderes misst, ist das am Ende nicht vergleichbar. Ferner muss man zwischen Kausalität und Korrelation unterscheiden, die Daten unvoreingenommen auswerten und nichts Entscheidendes ignorieren und auch nichts hineininterpretieren, was gar nicht drinsteckt. Und man muss die statistische Signifikanz berücksichtigen, sonst streitet man sich wegen einer irrelevant kleinen Abweichung um des Kaisers Bart. Das alles sieht man sehr schön anhand der Frage, ob Videospiele zu Jugendgewalt führen oder nicht.

Mythen und Fakten über Männer und Frauen

In diesem Buch habe ich auch erfahren, was eigentlich genau beim Gender Pay Gap verglichen wird. Das habe ich mich nämlich schon lange gefragt. Schaut man da nur nach dem Bruttostundenlohn  oder geht es auch darum, ob Männer und Frauen bei gleicher Arbeit gleich viel verdienen? Führt uns das auch zu der Tatsache, dass „typische Frauenberufe“, also vornehmlich die Care-Arbeit, generell schlecht bezahlt werden, und warum das so ist? Und gibt’s sowas wie typisch männliches und typisch

 weibliches Denken? Wenn ja, liegt das dann am Gehirn, den Hormonen oder woran sonst? Und wie misst man das? 

Was man hier sonst noch lernt …

  • dass sich die Zulassungsbestimmungen für homöopathische Mittel stark von denen der klassischen Arzneimittel unterscheiden,
  • weshalb der Placebo-Effekt und die „sprechende Medizin“ oft unterschätzt werden,
  • wie sicher Impfungen sind,
  • warum der Corona-Impfstoff so schnell da war,
  • warum sich seltene Impf-Nebenwirkungen immer erst nach der Zulassung zeigen,
  • ob Intelligenz erblich ist und welche Einflüsse Umweltbedingungen haben. (Ich gestehe, dass mir dieses Kapitel zu hoch war.)
  • wie und wieso Lernen unser Gehirn verändert,
  • warum Physiognomik und Phrenologie unwissenschaftlicher Mumpitz sind,
  • ob und unter welchen Voraussetzungen man Tierversuche ethisch vertreten kann,
  • dass es noch immer keinen vollwertigen „künstlichen“ Ersatz für Tierversuche gibt
    und noch vieles anderes mehr.

Trotzdem könnte ich allfällige Dummschwätzer nicht mit ein paar eleganten Sätzen vom Platz fegen. Dazu sind die Sachverhalte zu komplex. 

Eines ist mir auf jeden Fall klar geworden: Wenn wir einander nur unbegründete Meinungen um die Ohren hauen, führt uns das keinen Schritt weiter. Wir sollten denken wie die Wissenschaftler: 

„Jeder Irrtum ist eine Erkenntnis, die einen weiterbringt. Man irrt sich vorwärts.“ (Seite 340)

Aber dafür müssten wir uns erst einmal auf das einigen können, was wirklich unbestreitbar feststeht. Ich fürchte, dieser Weg ist noch sehr weit.

Verständnis-Voraussetzung: Statistik

Man sollte mehr als nur ein bisschen Ahnung von Statistik haben, um den Ausführungen der Autorin folgen zu können. Ich besitze angestaubte Kenntnisse aus einem Studium vor knapp 40 Jahren und tat mich nicht immer leicht. Wenn also vereinzelte Leser*innen das Buch schlecht bewerten und „zu viel Wissenschaft“ beklagen, mag hier der Grund dafür liegen: Man unterschätzt das erforderliche Vorwissen.

Weil die Autorin in den Medien komplizierte Sachverhalte lässig und verständlich erklärt, entsteht vorab der Eindruck, dass bei dieser Lektüre jeder locker mitkommt. Das ist aber nicht so. Wenn Frau Dr. Nguyen-Kim online oder im TV etwas erläutert, kann man bequem unter den Passagen wegschnarchen, die man nicht ganz kapiert, um dann beim Fazit wieder einzusteigen. Sitzt man aber mit dem Buch zuhause und hat nicht den Mut, mehrere Seiten zu überspringen, bleibt man mit seinen Wissenslücken ratlos und frustriert allein. 

Mich hat’s, wie immer, bei der Genetik aus der Kurve getragen. Ja, ja, schon klar, die Varianz! Aber ich könnte euch immer noch nicht erklären, was an der Intelligenz nun erblich ist und was nicht. Je unterschiedlicher die äußeren Bedingungen, desto geringer der Einfluss der Erblichkeit. Oder so.

Schwer lesbare Graphiken 🙁

Was nicht der Autorin und auch nicht der Illustratorin anzulasten ist, ist der Umgang mit den Graphiken. Sicher, es schaut schön luftig und elegant aus, wenn die illustrierenden Elemente höchstens fünfeinhalb Zentimeter breit sind. Aber für die Beschriftung bedeutet das eine maximale Versalhöhe von einem Millimeter, und das vielleicht noch in Hellrot. Das ist WINZIG! Bei suboptimalem Licht – wenn man das Buch z.B. in der Bahn liest – braucht man für diese Stellen eine beleuchtete Lupe. Kein Witz! Das gilt auch für die vierseitige Aufstellung im Tierversuchs-Kapitel.

Frage: Wer kauft denn (noch) gedruckte Bücher? Das dürften doch in erster Linie Traditionalist*innen sein, die das schon seit Jahrzehnten so machen. Und die sind eben nicht mehr mit jungen, frischen Adleraugen gesegnet. Für diese Leserschaft sind solche Minischriften trotz Brille ein echtes Hindernis. 

Ich muss den Büchermacher*innen doch hoffentlich nicht sagen, dass, wenn so eine Auflage erst mal gedruckt ist, die Bilder und Schriften eben NICHT MEHR wie am Bildschirm mit einer eleganten Fingerbewegung größer gezogen werden können. Die bleiben so mini, wie sie angelegt wurden. 

Gerade, wenn man Wissen vermitteln will, sollte man es der Zielgruppe so leicht wie möglich machen, dieses auch aufzunehmen. Da muss man nicht in Schönheit sterben. Das ist eine typische Sachbuch-Krankheit und regt mich jedes Mal aufs Neue auf. Die Autor*innen und Illustrator*innen geben sich Mühe, und dann wird’s auf den letzten Metern durch die Gestaltung vergurkt. Das geht bestimmt besser! Und das Buch hätte es wirklich verdient, dass die Informationen auch allen Leser*innen ohne große Barrieren zugänglich sind.

Die Autorin

Mai Thi Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin und forschte unter anderem an der RWTH Aachen, am MIT und in Harvard an intelligenten Materialien für biomedizinische Anwendungen. Heute ist sie als Wissenschaftsjournalistin und Edutainerin aktiv auf allen Kanälen: Im Fernsehen übernahm sie als Nachfolgerin von Ranga Yogeshwar die Moderation von “Quarks”, für funk (das Junge Angebot von ARD und ZDF) produziert sie den preisgekrönten YouTube-Kanal “maiLab” und sie ist Autorin des SPIEGEL-Bestsellers “Komisch, alles chemisch”. Als Dozentin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation teilt sie außerdem gerne ihre Erfahrung mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. 

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.