Susanne Goga: Das Geheimnis der Themse. Roman

Susanne Goga: Das Geheimnis der Themse. Roman, München 2021, Diana Verlag, ISBN 978-3-453-36071-6, Klappenbroschur, 446 Seiten, Format: 12 x 3,4 x 18,7 cm, Buch: EUR 10,99 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Diana Verlag

„Es kommt mir vor, als müssten all diese angeblichen Zufälle ein Gesamtbild ergeben, aber ich erkenne noch nicht die Verbindung. Überleg doch nur: Julia Danbys Tod. Die Fluchtafel in Alfies Schuppen. Der alte Ned (…) verschwindet. (…) Die Rituale am Fluss.“ 
„Und jetzt auch noch Sallys Amulett.“
„So ist es.“ Toms dunkle Augen bohrten sich in ihre. „Wir haben uns in etwas verstrickt, das wir nicht mehr überblicken können.“ In seiner Stimme lag etwas, das sie selten bei ihm spürte: Angst.
 (Seite 355)

London 1894: Seit zwei Jahren sind der Journalist/Theaterkritiker Tom Ashdown und die aus Berlin stammende Lehrerin Charlotte ein Ehepaar. Gerade sind sie umgezogen. Sie haben aus Liebe geheiratet, es geht ihnen gut – sie könnten also glücklich sein. Doch ihre Beziehung wird dadurch belastet, dass Charlotte immer noch nicht schwanger ist. 

Für die vielseitig interessierte und sozial engagierte junge Frau wäre es nicht das allergrößte Unglück, wenn ihre Ehe kinderlos bliebe, doch ihr Mann leidet darunter. Man hat das Gefühl, er macht seine Frau für das Problem verantwortlich. Er grollt und schmollt so vor sich hin, ohne das Thema wirklich anzusprechen. Dass er mit seiner ersten Frau Lucy auch schon keine Kinder hatte, gibt ihm erst spät zu denken – und auch das nur mit fremder Hilfe.

Ein Buch über Magie? Tom zögert

Eigentlich ist der Mann ja schwer in Ordnung. Kenner*innen der Bücher von Susanne Goga haben  Tom Ashdown als sympathischen Skeptiker aus dem Roman DER VERBOTENE FLUSS in Erinnerung. Derzeit hat er aber ein Problem. Da kommt ihm eine Ablenkung gerade recht: Der exzentrische Verleger Sir Tristan Jellicoe möchte, dass Tom ein Buch über Londons Okkultismus, dunkle Künste und Magie schreibt. Diese Stadt sei voll von Geistersehern und magischen Zirkeln, meint er. Eine Art „magischer Atlas“ von London schwebt ihm vor. Damit will er seinen Lesern zeigen, dass es mehr gibt als die nüchterne Welt um sie herum. 

Tom bezweifelt, dass er der Richtige für dieses Konzept ist. Er ist ein Freund der Aufklärung und hält alles angeblich Übersinnliche für unwissenschaftlichen Mumpitz. Dann lässt er sich doch für den Stoff begeistern. Seine Frau, denkt er, wird ihn sicher bei seinen Recherchen unterstützen. Vielleicht wird sie das einander wieder näherbringen.

Es bringt die beiden vor allem in Gefahr! Denn hier geht es nicht nur um ein paar archäologische Funde, gruselige alte Geschichten und harmlose Spinnereien – hier sind Menschen unterwegs, die ihre geheimen kultischen Aktivitäten todernst nehmen. Das ist den Eheleuten Ashdown nur nicht bewusst. Und so rutschen sie in eine Sache hinein, die sie bald nicht mehr kontrollieren können.

Die Tote aus der Themse

Das geht dem zwölfjährigen Alfie Clark nicht anders. Seit dem Tod seiner Eltern haust er in einem Schuppen und lebt als „Strandsucher“ vom Verkaufserlös der Gegenstände, die er am Themse-Ufer findet. Als er eines Abends statt Münzen und Metallteilen eine tote junge Frau entdeckt, gerät sein Leben aus den Fugen. Die Polizei nimmt ihn mit, die Angehörigen der Toten spüren ihn auf und erhoffen sich von ihm Aufschluss darüber, wie die arme Julia zu Tode gekommen ist. Ein neugieriger Journalist – unser Tom Ashdown – horcht ihn aus und dann wird er auch noch von Leuten bedroht, die anscheinend glauben, er habe an dem Abend mehr gesehen als nur eine Leiche. Oder hat es damit zu tun, dass er der Toten ein Goldkettchen geklaut hat?

Als Alfie ganz tief in Schwierigkeiten steckt, nimmt Tom ihn mit nach Hause und quartiert ihn dort ein. Seine Frau ist davon nicht begeistert. Sie kennt den Knaben ja nicht. Der erweist sich jedoch als ausgesprochen aufgeweckt. 

Auch wenn Charlotte den Jungen nicht, wie ihr Mann, als Ersatz-Sohn betrachtet: Sie kann ihn nicht seinem Schicksal überlassen. Unwissentlich muss er mächtigen Leuten in die Quere gekommen sein. Wenn sie ihn einfach wieder in sein altes Leben zurückkehren lassen, ist er in Gefahr. Vielleicht sollten sie besser herausfinden, wer hinter ihm her ist und wie das mit Julias Tod zusammenhängt.

Was weiß Iris?

Bei ihren Nachforschungen stoßen die Ashdowns auf verblüffende Querverbindungen. Offenbar hatten Julia Danby und Iris Jellicoe, die etwas überspannte Tochter von Toms Verleger, gemeinsame Bekannte. Weiß Iris mehr als sie zugibt? Auch in Julias Lesezirkel trifft Charlotte auf Leute, die sie aus einem ganz anderen Zusammenhang kennt und die sie dort nie vermutet hätte. Und wieso ist Ned so plötzlich verschwunden, Alfies Kollege, der Charlotte eine römische Münze verkauft hat und sich dabei in düsteren Andeutungen erging?

Für Tom und Charlotte mischen sich die Recherchen zu ihrem „magischen Atlas“ mit dem Versuch, Julia Danbys mutmaßliche(n) Mörder zu finden und damit Alfies Haut zu retten. Spät erkennen sie, dass sie durch ihre Aktivitäten Menschen mit einer gefährlichen Agenda nervös machen. Hat das etwas mit dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung (Golden Dawn) zu tun? Oder mit einer esoterischen Geheimgesellschaft, über die die beiden bei ihren Nachforschungen immer wieder gestolpert sind? 

In die Falle gegangen!

Das Problem mit Geheimgesellschaften ist natürlich, dass sie im Verborgenen agieren. 😉 Die Ashdowns wissen weder mit Sicherheit, wer dazugehört, noch was diese Leute im Schilde führen. Und so laufen sie schnurstracks in eine Falle …

Der demonstrativ leidende Tom, der einfach nicht sagen will, was sein Problem ist, hat mich anfangs genervt. Ich habe ich schon verstanden, aber Gespräche nach dem Muster: „Was fehlt dir denn? – „Nix.“ machen mich aggressiv. Weil diese Krise aber manche seine Handlungen erklärt, ist es wiederum in Ordnung.

Spannung und Information

Faszinierend ist die historische Spurensuche. Ich ertappe mich immer wieder dabei, im Internet nach den beschriebenen Menschen, Organisationen, Ereignissen und Artefakten zu suchen. Ich weiß ja, dass die Autorin penibel recherchiert und sich das nicht einfach ausdenkt. Und es ist ausgesprochen packend, Tom und Charlotte bei ihrer Mördersuche zu begleiten und genau zu wissen, dass es Leute gibt, die mit aller Macht verhindern wollen, dass sie dabei erfolgreich sind. 

Am liebsten hätte ich alles andere vernachlässigt und nur noch gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wer dahintersteckt und wer auf wessen Seite steht. Manche Zusammenhänge ahnt man – und dann freut man sich als Leser*in, weil man recht gehabt hat – anderes erwischt einen völlig kalt. Genau so muss das sein! 

Mir hat die Mischung aus Spannung und Information sehr gut gefallen. Und ich wäre auch einem dritten Abenteuer der Ashdowns nicht abgeneigt. Vorausgesetzt, Tom kriegt sich wieder ein.

Die Autorin

Susanne Goga wurde 1967 in Mönchengladbach geboren und lebt dort bis heute. Die renommierte Literaturübersetzerin und Autorin reist gern – mit Vorliebe auch in die Vergangenheit. Das spiegelt sich in ihren überaus erfolgreichen historischen Romanen wider. Für die Kriminalreihe um Leo Wechsler taucht sie ein ins Berlin der 1920er-Jahre, für den Diana Verlag begibt sie sich immer wieder auf die geschichtsträchtigen Spuren der englischen Gesellschaft. So spielt der Spiegel-Bestseller »Der verbotene Fluss« im viktorianischen Zeitalter, und hier schließt auch Susanne Gogas neuer Roman »Das Geheimnis der Themse« an.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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