Ulrike Renk: Eine Familie in Berlin – Paulas Liebe. Roman (Bd. 1)

Ulrike Renk: Eine Familie in Berlin – Paulas Liebe. Roman (Bd. 1), Berlin 2021, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3555-2, Softcover, 501 Seiten, Format: 13 x 4,3 x 20,2 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) Aufbau Verlag

Berlin 1879: Paula Oppenheimer, 16, hat noch drei jüngere Geschwister. Die Eltern müssen ganz schön rechnen, um die Familie über die Runden zu bringen. Als Rabbiner einer kleinen Reformgemeinde wird Vater Julius nicht besonders üppig bezahlt. Dennoch hält Mutter Antonie zunächst gar nichts von dem Vorschlag ihrer begüterten aber kinderlosen Schwester Auguste, die kluge und musisch begabte Paula bei sich aufzunehmen und sie als Gesellschafterin auszubilden. Man gibt doch seine Kinder nicht weg!

Paula, 16, zieht zur Tante

Doch mit dem, was Auguste Arnheim ihrer Nichte an Bildung, materiellem Komfort und nützlichen Kontakten bis in die höchsten Kreise hinein bieten kann, können Oppenheimers nicht mithalten, und so stimmen sie dem Arrangement schließlich zu. Im Wege stehen möchten sie ihrer Tochter nicht. Also zieht Paula schweren Herzens zur Tante. Auch wenn das neue Zuhause nur einen Katzensprung vom Elternhaus entfernt ist, fehlen ihr Mutter, Vater und Geschwister, vor allem ihr um drei Jahre jüngerer „Seelenbruder“ Franz.

Falls sich jemand fragt, warum die intelligente Paula nicht studiert, wo sie doch jetzt über die finanziellen Möglichkeiten verfügt: Das ist Frauen zu jener Zeit in Deutschland nicht erlaubt. Sie müsste ins Ausland gehen, und davor scheut sie sich. Von daher hat sie nur die Möglichkeit, zu heiraten oder Gesellschafterin zu werden.

Ein paar Jahre später: Paulas Bruder Franz studiert jetzt Medizin und bringt eines Tages seinen besten Freund aus der Studentenverbindung mit nach Hause: den ungestümen und rebellischen Richard Dehmel, der ein wenig ziellos Naturwissenschaften, Nationalökonomie und Philosophie studiert und sich als Poet versteht.

Verliebt in den Freund des Bruders

Weil Richard Ärger mit seinen Eltern hat, wird er von den großzügigen Oppenheimers durchgefüttert und fast wie ein Familienmitglied behandelt. Als Franzens Kumpel ist er der Familie lieb und wert. Doch dann beginnt er, sich für Paula zu interessieren. Auch sie ist angetan von dem wilden Kerl, der viel auf ihre Meinung gibt und sie regelmäßig seine Texte beurteilen lässt. Wahrscheinlich hat sie sich noch nie so verstanden und ernst genommen gefühlt.

Als die beiden jedoch vom Heiraten sprechen, schrillen bei ihrer Familie sämtliche Alarmglocken. Richard ist ja ganz unterhaltsam aber mittellos und egoistisch und hat eine Menge Flausen im Kopf. Wovon wollen Paula und er leben? Sie sehen es kommen: Er wird dichten, sich von aller Welt bewundern lassen und sich nicht darum scheren, ob Frau und Kinder daheim was zu beißen haben. So einen Kerl muss man sich leisten können, und Paula hat nun mal kein Geld. Erschwerend kommt hinzu, dass sie gesundheitlich angeschlagen ist – sie hat Asthma – und immer mal wieder zur Kur an die See oder in die Berge muss. Ein Leben mit permanenten Existenzsorgen wäre Gift für sie.

Die Eltern sind gegen die Heirat

Doch wenn Richard Dehmel sich etwas in den Kopf setzt, dann bekommt er es auch. Und Paula will er mit aller Macht. Also promoviert er tatsächlich und nimmt einen Bürojob bei einer Versicherung an. Er hasst zwar jede Minute davon, aber wenn ihm das die Heirat mit seiner geliebten Paula ermöglicht, nimmt er das eben in Kauf. Als Leser:in befürchtet man, dass er den Job hinschmeißen wird, sobald sie den Ring am Finger hat. Aber Oppenheimers glauben an das Gute im Menschen, und so können Paula und Richard 1889 endlich heiraten.

Sie lieben einander stürmisch und leidenschaftlich, bekommen drei Kinder und arbeiten zusammen an ihren jeweiligen Texten. Und doch kommt vieles so, wie Paulas Familie es vorausgesagt hat: Richard kündigt seine Arbeitsstelle, widmet sich hauptberuflich dem Schreiben und geht wiederholt fremd. Wenn er bei letzterem wenigstens diskret vorgegangen wäre, wie das damals gang und gäbe war! Aber nein, er erzählt alles brühwarm seiner Frau und entblödet sich nicht, sie vor ihren gemeinsamen Freunden mit seinen Geliebten zu vergleichen und ihr Haarsträubendes zuzumuten. Paula macht alles mit und hofft stets, er würde irgendwann begreifen, was er an ihr hat und zu ihr zurückkehren.

Rücksichtslos und egozentrisch

„(…) Warum tut er mir das an? Warum?“, fragt sie einmal verzweifelt. Und ihre Freundin Hedwig antwortet: „Weil er Richard ist.“ (Seite 475). Ich würde sagen: Weil er ein rücksichtsloses, ichbezogenes A***l*ch ist und genau weiß, dass er damit durchkommt. So einfach kann frau ihren Gatten zu der Zeit nicht in den Wind schießen. Wie sollte sie sich und ihre Kinder durchbringen? Aber Paula ist intelligent und nicht unbegrenzt leidenswillig …

Spätestens bei den unfassbar gemeinen und geschmacklosen Gedichten, die Richard an Paulas 32. Geburtstags vorträgt, habe ich mich gefragt, warum sie ihn nicht einfach umbringt. 😉 Mit Richard ist es Ulrike Renk wieder einmal gelungen, eine Figur zu schaffen, die ich gleichzeitig verstehen und von Herzen verabscheuen kann. In Romanen ist mir das eine Freude.

Richard Dehmel ist zweifellos ein Mann seiner Zeit – und von einer so grandiosen Egozentrik, dass er nicht mal merkt, was er seinen Mitmenschen antut. Und wenn es ihm bewusst würde, wäre es ihm wahrscheinlich egal. Doch wäre Paula damit gedient gewesen, wenn ihre Eltern diese Ehe verhindert und sie in gesicherte aber langweilige Verhältnisse verheiratet hätten? Wahrscheinlich nicht. In einer emotional flacheren Beziehung wäre sie nie so unglücklich aber auch nie so glücklich gewesen wie mit Richard. So gesehen ist alles gut.

Der Roman beruht auf Tatsachen

Die Reihe EINE FAMILIE IN BERLIN beruht auf Tatsachen. Die Familien Dehmel und Oppenheimer kann man googeln – es gab sie wirklich. Doch wie die Autorin ausdrücklich betont: „Dies ist keine wissenschaftliche Biographie. Dies ist ein Roman.“ (Seite 494) Was wahr ist und was Ulrike Renk aus dramaturgischen und anderen Gründen erfunden hat, erfahren wir im Nachwort.

Ich liebe die bildhafte Sprache, die gefühlvollen Briefe und vor allem die Stimmung im Kapitänshaus an der Ostsee, wo die Familie über viele Jahre ihre Sommerfrische verbringt und Paula sich immer wieder von den Strapazen ihrer Krankheit erholt. Und ich hasse mit großem Vergnügen den Egomanen Richard.

„Action“ gibt’s in der Geschichte wenig. Man schlüpft in das Leben und die Gedankenwelt anderer Menschen aus anderen Zeiten. Mich fasziniert das. Die Abwägungen für oder gegen eine Ehe zwischen Paula und Richard hätten meinetwegen etwas kürzer abgehandelt werden können. Das liegt vermutlich daran, dass meine Meinung sowieso schon feststand. Ich brauchte nicht so viele Argumente. Meine aufrichtige Bewunderung gilt Tante Auguste, die mit sehr einfühlsamen Worten ihrer Nichte die Bedenken der Eltern erklärt hat. Ich wär’ da deutlich radikaler vorgegangen. 😉

Gespannt auf die Fortsetzung

Aus dem Nachwort schließe ich, dass es im zweiten Band URSULAS TRÄUME um Paulas Schwiegertochter gehen wird. Auch sie hat in einem interessanten künstlerischen Umfeld gelebt es und mit schwierigen Männern zu tun gehabt. Aber sie dürfte schon deutlich mehr Entscheidungsfreiheit und Gestaltungsmöglichkeiten gehabt haben als ihre Schwiegermutter Paula Dehmel. Auf diese Fortsetzung bin ich gespannt.

Die Autorin

Ulrike Renk, geboren 1967 in Detmold, zog ein paar Jahre später mit Eltern und Bruder nach Dortmund, wo sie auch die Schule besuchte. Studienaufenthalt in den USA, Studium der Anglistik, Literaturwissenschaften und Soziologie an der RWTH Aachen. Sie ist Mutter von vier Kindern. Heute lebt sie mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn in Krefeld am Niederrhein und arbeitet als freie Autorin. 

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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